Ausgabe Oktober 2000

Der globale Patriotismus

Abends soll es noch voll sein. Nachmittags, als der Rezensent pflichtschuldig im Kino saß, verloren sich knapp zehn Besucher im größten Kino am Ort. Es ist ein groteskes Erlebnis des Alleinund Ausgesetztseins, der Wehrlosigkeit gegenüber dem massiven Trommelfeuer des Soundtracks: Vorne, wo die Leinwand ist, hat jeder Flintenschuß die akustische Durchschlagskraft einer Megabombe, an den Seitenwänden erschüttert Kanonendonner Mauern und Fußboden, hinten bellen ein paar Hunde, und das Ganze wird übertönt durch die Fortissimo-Klänge eines Riesenorchesters, in dem die Blechbläser das Schreien haben. Kino scheint heutzutage eine Sache der Baßboxentechnik zu sein. Schon bei den Trailern für zukünftige in diesem Saal zu erwartende Katastrophen erwies sich ein eintöniges überlautes Wummern als beherrschende, offenbar für jeden Film gleichermaßen unverzichtbare Beeindruckungstechnik. Die Bilder auf der Leinwand versuchen, im Konkurrenzkampf um den schrillsten Effekt mit blitzartigen Einblendungen bluthaltiger Details zu punkten: Wunden wie kleine Springbrunnen, ein vom Rumpf getrennter Kopf oder Arm, durch die Luft fliegende Leichen.

Die beschriebenen technischen Stilmittel sind, jedenfalls in bezug auf den Film Der Patriot von Roland Emmerich, ganz und ausschließlich auf die Kriegsszenen hin konzipiert.

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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