Ausgabe Januar 2001

Mythen aus Polderland

Das niederländische Modell auf dem Prüfstand

Im 17. Jahrhundert galt Holland als "kapitalistische Musternation" und "Musterland der ökonomischen Entwicklung". Meinte Karl Marx. Heute leuchten die Niederlande wieder einmal als Vorbild. Nirgends in Europa ist die Begeisterung für den niederländischen Weg aus der Beschäftigungskrise - bei gleichzeitiger Sanierung von Arbeitsmarkt, Staatsfinanzen und sozialen Sicherungssystemen, bekannt als "Polder-" oder "Delta-Modell" - so groß wie in der Bundesrepublik. Besonders beeindruckt hat die harmoniegläubigen Deutschen die Botschaft, diese erfolgreiche "Modernisierung" habe sich im breiten Konsens, ohne Zank und Streit und offene Machtkämpfe vollzogen. Im Polderland sei eine neue Symbiose von Marktökonomie und Wohlfahrtsstaat gefunden worden, also genau das, wonach die rot-grüne Bundesregierung sucht. Ländervergleiche sind schon lange keine rein akademische Übung mehr, mit ausländischen Vorbildern wird massiv Politik gemacht.

Die Begeisterung für Holland ist relativ neu. Zu Anfang der 80er Jahre wurden die Niederlande, die zusammen mit den skandinavischen Ländern zur Spitzengruppe der am höchsten entwickelten und kostspieligsten Sozialstaaten zählten, eher als eine Art "kranker Mann" Europas betrachtet.

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