Ausgabe Juni 2001

Mehr Ungleichheit wagen?

Zum anhaltenden Boom der Egalitarismuskritik

Auf Gerechtigkeit berufen sich nicht nur Kritiker der realen Ungleichheit in der Gesellschaft, sondern auch die Gegner des Gleichheitsideals, des so genannten Egalitarismus. Besorgt verweisen Egalitarismuskritiker aller Länder darauf, daß selbst ein Jahrzehnt nach der Implosion des größten Gleichheitsexperiments immer noch Restbestände der Gleichheitsideologie, vor allem in Westeuropa, schweren Schaden anrichten. Moderne Reformer aller Parteien müssten daher weiter gegen jenen zählebigen linken Traditionalismus kämpfen und der realistischen Einsicht zum Sieg verhelfen: Nicht Gleichheit diene dem Gemeinwohl, sondern "Gerechtigkeit" also Ungleichheit. Denn die unterschiedliche persönliche Leistungsfähigkeit der Menschen führt zu ungleichen Ergebnissen. Diese durch sozialstaatliche Umverteilung wieder ausgleichen zu wollen, würde sowohl gegen die Gerechtigkeit verstoßen als auch die gesellschaftliche Dynamik lähmen. "Gesellschaften mit mehr Ungleichheit sind dynamischer", predigt unter anderen Bundeswirtschaftsminister Werner Müller.

Auch die Diskurse über Grundsatzfragen unserer Gesellschaft vermitteln den Eindruck: Teile der intellektuellen Eliten aller Richtungen empören sich mehr über Gleichheit als über Ungleichheit.

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