Ausgabe Juni 2001

Ohne Gnade

Daß das Thema heikel ist, erfuhr RTL schon vor der Ausstrahlung: Durch Unterlassungsanträge sollte die Sendung des Fernsehspiels Todesstrafe - Ein Deutscher hinter Gittern (16.5.2001) verhindert werden. Eine vermutete zu große Ähnlichkeit der fiktiven Erzählung mit seinem realen Fall könnte, so befürchtete der seit 1988 in Miami auf seine Hinrichtung wartende mutmaßliche Mörder Dieter Riechmann, das Wiederaufnahmeverfahren negativ beeinflussen. Seine Reaktion beweist: Die erzählte Geschichte ist aktuell und politisch brisant. Corinna, eine junge und karrierebewußte Reporterin, erhält den Auftrag, den in der Todeszelle einsitzenden Deutschen Klaus Jansen zu interviewen und daraus eine Artikelserie zu machen. Jansen hat angeblich vor sieben Jahren seine Frau ermordet und soll aufgrund eines Indizienurteils in einer Woche hingerichtet werden. Er beteuert seine Unschuld, aber Hinweise, die zu seinen Gunsten gewertet werden könnten, erschienen dem Gericht nur als Maßnahmen des Täters zur Irreführung der Polizei.

Der Fortgang scheint klar: Corinna beginnt, an Jansens Unschuld zu glauben, ein persönliches Verhältnis entsteht, und statt der Reportage schreibt sie das Gnadengesuch. Aber von nun an läuft es anders als erwartet. Der eindeutige Unschuldsbeweis taucht nicht auf, der Todeskandidat wird hingerichtet.

Sie haben etwa 32% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 68% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe August 2020

In der Augustausgabe beleuchtet Masha Gessen die clanartigen Strukturen von Trumps Mafia-Staat. Michael Tomasky sieht den designierten Präsidentschaftskandidaten Joe Biden auf dem Weg nach links – und erkennt bei dem US-Demokraten gar rooseveltsche Ambitionen. Wieslaw Jurczenko analysiert die Ursachen des Wirecard-Desasters und damit das Totalversagen der deutschen Finanzaufsicht. Raul Zelik fordert, die Eigentumsverhältnisse wieder in den Blick zu nehmen, um so den Sozialismusbegriff wiederzubeleben. Und Klaus Vieweg befreit Hegel, der vor knapp 250 Jahren geboren wurde, vom Totalitarismusverdacht.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Ein Jahr der Erkenntnisse

von Blätter-Redaktion

Für den deutschen Journalismus war 2019 ein annus horribilis. Zunächst bescherte die Affäre um den ehemaligen „Spiegel“-Reporter Claas Relotius den Medien einen weiteren erheblichen Glaubwürdigkeitsverlust.