Ausgabe Juli 2002

Der hilflose Antipopulismus

"So ist die FDP unwählbar", tönt es derzeit allüberall aus dem liberalen Blätterwald. Vom Berliner "Tagesspiegel" bis zur Hamburger "Zeit" offenbaren sich gutmeinende liberale Medienmacher, "warum ich die Möllemann-FDP nicht mehr wählen kann" (Robert Leicht). Einstimmig der Aufschrei der Empörung gegen den "Aufstand der Unanständigen" (Gunter Hofmann). Die Jusos setzen noch Einen drauf und fordern die verbindliche Absage einer Koalition mit den Blau-Gelben. Kurzum, die Gretchenfrage der Berliner Republik anno 2002 lautet: Wie hältst du's mit der FDP? Man mag es als beruhigend ansehen, dass die medialen Seismographen die Anzeichen eines aufkeimenden Antisemitismus als drohendes "tektonisches Beben" ("Die Zeit") in der Parteienlandschaft festhalten. Aber abgesehen davon, dass bereits vor den letzten Ausfällen des Jürgen W. gute Gründe dafür sprachen, die Möllemann-FDP nicht mehr zu wählen, abgesehen auch davon, dass diejenigen Wählerschichten, die der Schnauzbärtige neuerdings zu erreichen gedenkt, sich von der "Bannbulle" eines Robert Leicht schwerlich werden beeindrucken lassen: Diese Form der aufgeregten medialen Ächtung geht am Problem des europaweit aufkommenden Rechtspopulismus vorbei.

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