Ausgabe Juni 2002

Tragödienstadl

Das Fernsehspiel war einmal eine Gattung, mit der die Pioniere im Nachkriegs-Deutschland (West und Ost) das neue Medium vor seinem Schicksal zu bewahren suchten, zur Glotze, zum "Null-Medium" (Enzensberger) zu werden. In fiktionalen, aber realistischen Spielformen griff es aktuelle Themen der gesellschaftlichen Auseinandersetzung auf, um zugleich mit der Unterhaltung Problembewusstsein zu vermitteln. Das Fernsehen schien auf Grund seiner Rezeptionsform solche Ansprüche zu begünstigen: Der Apparat ist ein Möbelstück im Zentrum des Alltagslebens und zugleich jenes "Fenster zur Welt", das auch den Blick auf die Probleme der Menschen und der Menschheit lenken sollte. Solche gemäß der Funktionsbestimmung des öffentlich-rechtlichen Systems bildende Wirkungen versprach man sich sogar von den Serien und legte sie pädagogisch an.

Erst das Hereinschwappen von US-amerikanischen Soaps wie Dallas oder Denver machten das deutsche Publikum mit jener spielerisch-zynischen Ent-Moralisierung vertraut, die uns einen Bösewicht wie J.R. als attraktivste Figur in einem Ensemble von gutwilligen Schwächlingen und stets nur jammernden Weibern erscheinen ließen. Das wurde in Deutschland Be Er De prompt nachgemacht, aber die andere Tradition in Form von Linden- und anderen Straßen überlebt gleichfalls.

Sie haben etwa 30% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 70% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2020

In der Februar-Ausgabe warnen die ehemaligen US-Politiker Ernest J. Moniz und Sam Nunn vor einem erneuten Wettrüsten zwischen Russland und den USA. Hans-Gerd Marian und Michael Müller von den NaturFreunden Deutschlands legen die braunen Linien der deutschen Umweltbewegung offen. Der Vorsitzende der SWP, Volker Perthes, fragt nach den Auswirkungen der jüngsten Spannungen zwischen den USA und Iran – auch und gerade für Europa. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die regierenden Hindu-Nationalisten Millionen Menschen zu Staatenlosen machen und so ein neues Kastensystem schaffen könnten. Und der Stadtforscher Paul Chatterton skizziert die Zukunft der klimaneutralen, nachhaltig produzierenden Stadt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Ein Jahr der Erkenntnisse

von Blätter-Redaktion

Für den deutschen Journalismus war 2019 ein annus horribilis. Zunächst bescherte die Affäre um den ehemaligen „Spiegel“-Reporter Claas Relotius den Medien einen weiteren erheblichen Glaubwürdigkeitsverlust.

Die Einflüsterer des Präsidenten: Fox News und Donald Trump

von Klaus Kamps

Erstaunliche Meldungen waren das, in der Tat: US-Präsident Donald Trump möchte Grönland kaufen, befiehlt amerikanischen Unternehmen, China zu verlassen, erklärt den Chef der amerikanischen Zentralbank zum Feind – und beschwert sich über seinen Lieblingssender, „Fox News“, weil dort nicht nur schlechte Umfragewerte über ihn zu hören waren, son

Die Stasi lebt

von Jan Kursko

30 Jahre nach 1989 sind wir Zeugen eines erstaunlichen Spektakels: Die DDR lebt – und wird gerade ein zweites Mal gestürzt. Allerdings diesmal nicht von Ossis, sondern von waschechten Wessis. „Es fühlt sich schon wieder so an wie 1989 in der DDR“, verkündet AfD-Flügel-Spitze Björn Höcke.