Ausgabe August 2003

Hirn im Bauch

"Sag mir, was du liest, und ich weiß, wer du bist" – das war im Zeitalter der Bücher ein weit verbreiteter Glaube. Wenn heutzutage Manager Machbarkeitsstudien über ein neues Printprodukt in Auftrag geben, gilt die umgekehrte Hoffnung: Je besser die Bedürfnisse eines Sektors der Gesellschaft ausgelotet werden, umso mehr Chancen hat das Produkt, bei den Repräsentanten desselben "anzukommen". Der souveräne Griff ins Bücherregal ist längst der Reaktion auf Anreize gewichen.

Wenn ein großes Verlagshaus (Gruner & Jahr) eine neue Zeitschrift lanciert, erlauben deren Erscheinungsbild und Inhalt Rückschlüsse darauf, was die angesprochene "Zielgruppe" nach Meinung der Fachleute denkt, fühlt, lebt und kauft. "Neon", so der Titel des neuen Magazins, richtet sich mit dem Slogan "Eigentlich sollten wir erwachsen werden" an junge Leute zwischen Unbeschwert- und Abgebrühtheit, an Heranwachsende auf dem Sprung in die bürokratischen, ideologischen und kommerziellen Systeme unserer Gesellschaft.

Aber die, die da zu Wort kommen, uns das kollektive "wir" antragen, haben den Sprung bereits hinter sich, das Bungee-Seil hat gehalten. Der Tanz auf des Messers Schneide ist bereits ein Rückblick, die Sensationen und Emotionen, die er enthält, sind schon nicht mehr Bangen und Hoffen, sondern Gutdrauf und Locker.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2020

In der Februar-Ausgabe warnen die ehemaligen US-Politiker Ernest J. Moniz und Sam Nunn vor einem erneuten Wettrüsten zwischen Russland und den USA. Hans-Gerd Marian und Michael Müller von den NaturFreunden Deutschlands legen die braunen Linien der deutschen Umweltbewegung offen. Der Vorsitzende der SWP, Volker Perthes, fragt nach den Auswirkungen der jüngsten Spannungen zwischen den USA und Iran – auch und gerade für Europa. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die regierenden Hindu-Nationalisten Millionen Menschen zu Staatenlosen machen und so ein neues Kastensystem schaffen könnten. Und der Stadtforscher Paul Chatterton skizziert die Zukunft der klimaneutralen, nachhaltig produzierenden Stadt.

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