Ausgabe Mai 2003

Frontfiguren

Der erfolglose Journalist und die Frau mit der kleinen Tochter müssen in New York auf einen Flug nach Europa warten, weil die Fluglotsen streiken. Vom Hotelfenster aus sieht man das hell erleuchtete Empire State Building. Er will der kleinen Alice imponieren und bläst mit voller Kraft aus dem Fenster – und tatsächlich: Der Wolkenkratzer verschwindet plötzlich in der Nacht. Aber Alice lässt sich nicht beeindrucken, schnell findet sie heraus, dass die Strahler um Mitternacht abgeschaltet werden. Der Gag aus Wim Wenders’ Film Alice in den Städten (1973) findet sich noch in weiteren Filmen: Un monde sans pitié (1989) von Eric Rochant und La Haine (1995) von Mathieu Kassowitz, nur ist es hier der Eiffelturm. Einer der Beteiligten kommentiert die Szene dort: „Sowas klappt nur im Kino“. In der Tat ist die Unterwerfung der Realität unter den Willen der gestaltenden Phantasie des Regisseurs ein alter Kinotraum und in diesen Szenen setzt die cineastische Poesie ein Zeichen für die Macht der Träume über im wirklichen Leben scheinbar unbeeinflussbare Ereignisse.

Die Bilderideologie des Irakkrieges hat diesen manipulativen Mechanismus nun umgedreht.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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