Ausgabe Oktober 2003

Übervater Kagame

Die Präsidentschaftswahlen in Ruanda vom 25. August – die ersten Wahlen im Land, neun Jahre nach dem Völkermord – waren als Schlusspunkt einer Übergangszeit gedacht, in der die Voraussetzungen für ein künftiges stabiles Ruanda geschaffen werden sollten. Überragender Sieger der Wahl ist Paul Kagame, der vor drei Jahren vom Parlament zum Präsidenten des Landes bestimmt wurde, nachdem er Vizepräsident und Verteidigungsminister war. Nun haben gut vier Millionen Ruander gewählt, und das, wie es aussieht, überaus eindeutig: 95,05% stimmten für Kagame, nur 3,62% für seinen angeblich größten Konkurrenten Faustin Twagiramungu, und der dritte Kandidat, Jean Népomuscène Nayinzira, erhielt gar noch kläglichere 1,33% der Stimmen. "It’s a knockout!" titelte die kagamefreundliche "New Times" nach den Wahlen, doch das Triumphgefühl war längst nicht so ungeteilt, wie die Zeitung glauben machen wollte. Nicht wenige Ruander befiel ein Unwohlsein angesichts dieses Ergebnisses, das in vergleichbarer Form eigentlich nur aus Diktaturen bekannt ist.

Einig waren sich allerdings alle darin, dass die Ruhe, die am Wahltag geherrscht hat, bereits als Erfolg zu werten ist. Das ist ganz ohne Zweifel richtig, wenn man sich die jüngere ruandische Geschichte vor Augen hält.

Sie haben etwa 12% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 88% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe September 2020

In der September-Ausgabe erkennt der Philosoph und »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas im Wiederaufbauplan der EU – 30 Jahre nach der Zäsur von 1989/90 – eine zweite Chance für die innerdeutsche wie auch für die europäische Einheit. Die Literaturwissenschaftlerin Sarah Churchwell beleuchtet die langen Linien des amerikanischen Faschismus – vom Ku-Klux-Klan bis zu Donald Trump. Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze plädiert angesichts des Handelskriegs zwischen China und den USA für eine neue globale Entspannungspolitik. Und die Islamwissenschaftlerin Alexandra Senfft portraitiert den Kampf der Frauen gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Afrika

Afrika: Die zweifache Katastrophe

von Simone Schlindwein

Es sind grausame Szenarien, die für Afrika projiziert werden. Von „zehn Millionen Toten“ durch das Coronavirus auf dem Kontinent warnte Microsoft-Gründer Bill Gates bereits im Februar: Ein massiver Ausbruch würde die ohnehin maroden Gesundheitssysteme Afrikas „überwältigen“ und dadurch zu einem Massensterben führen, erklärte er. Die Warnung Gates‘ kam nur wenige Stunden bevor in Ägypten der erste Covid-19-Fall auf dem Kontinent bestätigt wurde. Seitdem breitet sich das Virus stetig weiter gen Süden aus und mit ihm auch die Angst.