Ausgabe August 2004

Die Kriminalisierung von Migranten

Schätzungen zufolge kamen während des letzten Jahrzehnts mehr als 2 500 Migrantinnen und Migranten bei dem Versuch ums Leben, nach Europa zu gelangen. Das sind viele Menschenleben - aber nicht viele Einwanderungsversuche für einen Kontinent mit über 375 Millionen Einwohnern. Wer sind die Menschen, die Europa mit so viel Entschlossenheit aussperrt - auch um den Preis, dass diese ihr Leben riskieren, um hineinzukommen? Kurz gesagt: Sie sind eine entschlossene, aber winzige Minderheit von Männern, Frauen und Kindern aus meist armen Ländern, die sich, auf der Suche nach Arbeit oder Sicherheit, auf den Weg machen - ungeachtet des Risikos, dass sie dabei eingehen. Sie sind keine Kriminellen. Doch die restriktive Entschlossenheit der sich abschottenden Zielländer bewirkt das Gegenteil des beabsichtigten Effekts: Sie ist der Nährboden des kriminellen Menschenhandels. Das harte Durchgreifen der Aufnahmeländer gegen die illegale Einwanderung und der quasi-militärische Ausbau der Grenzen brachten einen rasanten Anstieg des Menschenhandels mit sich.

So wie die Politik gegenüber "weichen" Drogen wie Marihuana beruht auch diese Entwicklung auf einem alten Dilemma: Um die Situation zu kontrollieren, kriminalisiert die Politik etwas, was an sich noch keine kriminelle Handlung sein muss - und steigert damit erst den Anreiz für wirkliche Kriminelle, verbotene Aktivitäten zu betreiben.

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.