Ausgabe Januar 2004

Allgemein, einheitlich, solidarisch

Anforderungen an die Bürgerversicherung

In der gegenwärtigen sozialpolitischen Debatte stehen sich zwei Vorschläge fast schon antagonistisch gegenüber: das Konzept der Kopfpauschale und das Modell der Bürgerversicherung. Letztere ist der einzige Vorschlag mit größerer Resonanz in der Öffentlichkeit aus dem rot-grünen Lager, der ohne Leistungskürzungen und/oder finanzielle Entlastungen für Besserverdienende auskommt. Die zentrale Idee, das deutsche Sozialsystem durch seine Ausdehnung auf die ganze Bevölkerung sowohl leistungsfähiger und stabiler wie auch gerechter zu machen, ist keineswegs neu.1 Das Konzept der Bürgeroder Volksversicherung hat jedoch erst in jüngster Zeit so stark an Bekanntheit gewonnen, dass es zu einer realistischen politischen Zukunftsoption avancieren könnte. Was sind Stärken und Schwächen dieses Modells? Ist es tatsächlich geeignet, die Strukturprobleme des deutschen Wohlfahrtsstaates zu lindern oder führt es gleichfalls in eine unsoziale Sackgasse?

Das wohl größte Strukturproblem des deutschen Sozialstaats liegt in seiner Ausrichtung auf einen männlichen Familienernährer, der ein sozialversicherungspflichtiges Vollzeitarbeitsverhältnis hat, mittels dessen er sich, seine Ehefrau und gemeinsame Kinder unterhält. Dass der deutsche Sozial(versicherungs) staat erwerbsarbeits- und eheorientiert ist, wird von seinen Kritiker/ innen schon lange beklagt.

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.