Ausgabe März 2004

Ein Jahr Agenda 2010

Mythos Eigenverantwortung

In den Grundsätzen der Regierung und aller Parteien (noch fehlt die PDS) avancierte die Parole von der "Eigenverantwortung" zum Schlüsselwort. Sie zu stärken steht im Mittelpunkt jeder Neuordnung der Arbeitsverhältnisse und der sozialen Sicherungssysteme. In welchem Maß aber kann, das ist die alles entscheidende Frage, eine einzelne Person tatsächlich für ihre wirtschaftliche Lage verantwortlich sein? Die Antwort hängt in erster Linie davon ab, ob das Individuum tatsächlich frei in seiner konkreten Entscheidung ist, vor allem aber davon, welche Reichweite die individuelle Handlung objektiv hat. "Eigenverantwortung" hat demnach eine philosophische Dimension. Diese aber kommt umso weniger zur Sprache, je mehr dieser Begriff mit geradezu religiösem Eifer gebraucht wird.

Grundsätzlich wäre es Sache der Wirtschaftstheorie, über die Grenzen dieser Freiheit Auskunft zu geben, also darüber, was eine individuelle und freie Handlung denn tatsächlich ausrichten kann, über welchen Wirkungsbereich sie verfügt. Zu einer unumstrittenen Antwort auf die Frage nach der Reichweite eigener Verantwortung ließe sich kommen, wenn es nur eine einzige, eine richtige Wirtschaftstheorie gäbe, wenn also der Zweck von Theorie darin bestünde, die Sachen und Verhältnisse zutreffend zu erklären.

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2020

In der Januar-Ausgabe warnt der Journalist Alexander Hurst vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA, sollte Donald Trump eine Abwahl in einem Jahr nicht akzeptieren. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die Hindu-Nationalisten die innere Vielfalt Indiens bekämpfen und selbst vor kriegerischen Mitteln nicht halt machen. »Blätter«-Redakteurin Julia Schweers beleuchtet den Generationenkonflikt, der in Afrika zu einer dritten kontinentalen Protestwelle führen könnte. Der Soziologe Mathias Greffrath fordert die Abkehr vom Mantra des ständigen Wachstums, um dem »Zeitalter der Verwüstung« ein Ende zu setzen. Und »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik analysiert die antisemitische Kontinuität von der DDR bis ins heutige Ostdeutschland.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Zusteller in einer Sackgasse

Bild: Baptiste Theureaux / Pixabay

Vom Verlust guter Arbeit: Das Elend der Paketboten

von Anette Dowideit

Arbeit ist einer der wichtigsten Lebensinhalte der Menschen heute. Sie stiftet Sinn, sie gibt den Menschen das Gefühl, etwas wert zu sein. Wer hingegen keine Arbeit hat, beginnt auch schneller an der Politik zu zweifeln, die er dafür verantwortlich macht.

Kollege Weinstein: Sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz

von Godela Linde

Harvey Weinstein, der einst gefeierte, dann aber massiver sexueller Belästigung und Vergewaltigung beschuldigte Hollywood-Produzent, greift auf seine Versicherung zurück: Diese zahlt 44 Mio. US-Dollar, davon 30 Mio. an betroffene Frauen, die Geldgeber seiner Filmfirma und deren Angestellte. Die übrigen 14 Mio. fließen in Weinsteins Anwalts- und Prozesskosten.