Ausgabe August 2005

Mythos Vollbeschäftigung

Die politischen Debatten in der Bundesrepublik drehen sich, zumal in Zeiten des Wahlkampfs, um die Arbeitslosigkeit. Diese Schwerpunktsetzung ist nicht neu; seit den Ölkrisen der 70er Jahre und dem damals einsetzenden Phänomen der Massenarbeitslosigkeit steht dieses Problem auf der politischen Agenda ganz oben. Gebessert hat sich die Lage dadurch allerdings nicht. Im Gegenteil: Heute sind mehr Menschen arbeitslos als je zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik – und eine Umkehr des Trends ist nicht abzusehen.

Angesichts dieser offenkundigen und anhaltenden Diskrepanz überrascht es nicht, dass die Parteien derzeit erneut mit viel Pathos, aber wenig konkreten Lösungsvorschlägen in den Wahlkampf ziehen. So fordert die Kanzlerkandidatin der CDU, Angela Merkel, eine "Agenda Arbeit"; dem "Vorrang für Arbeit" müssten sich "alle Maßnahmen unterordnen". Damit reiht sie sich in die historisch lange Riege jener Wahlkämpfer ein, die sich die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit auf die Fahnen geschrieben haben. Bundeskanzler Gerhard Schröder hat es 1998 sogar zum Kriterium seiner Wiederwahl gemacht: "Wenn wir es nicht schaffen, die Arbeitslosigkeit signifikant zu senken, dann haben wir es nicht verdient, wiedergewählt zu werden", verkündete er vollmundig – und scheint jetzt daran zu scheitern.

Die Rhetorik der politischen Klasse verdeckt, dass die Lösungsvorschläge zur Senkung der Arbeitslosigkeit dem Problem nicht angemessen sind.

Sie haben etwa 16% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 84% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2020

In der Januar-Ausgabe warnt der Journalist Alexander Hurst vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA, sollte Donald Trump eine Abwahl in einem Jahr nicht akzeptieren. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die Hindu-Nationalisten die innere Vielfalt Indiens bekämpfen und selbst vor kriegerischen Mitteln nicht halt machen. »Blätter«-Redakteurin Julia Schweers beleuchtet den Generationenkonflikt, der in Afrika zu einer dritten kontinentalen Protestwelle führen könnte. Der Soziologe Mathias Greffrath fordert die Abkehr vom Mantra des ständigen Wachstums, um dem »Zeitalter der Verwüstung« ein Ende zu setzen. Und »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik analysiert die antisemitische Kontinuität von der DDR bis ins heutige Ostdeutschland.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Arbeit

Zusteller in einer Sackgasse

Bild: Baptiste Theureaux / Pixabay

Vom Verlust guter Arbeit: Das Elend der Paketboten

von Anette Dowideit

Arbeit ist einer der wichtigsten Lebensinhalte der Menschen heute. Sie stiftet Sinn, sie gibt den Menschen das Gefühl, etwas wert zu sein. Wer hingegen keine Arbeit hat, beginnt auch schneller an der Politik zu zweifeln, die er dafür verantwortlich macht.

Kollege Weinstein: Sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz

von Godela Linde

Harvey Weinstein, der einst gefeierte, dann aber massiver sexueller Belästigung und Vergewaltigung beschuldigte Hollywood-Produzent, greift auf seine Versicherung zurück: Diese zahlt 44 Mio. US-Dollar, davon 30 Mio. an betroffene Frauen, die Geldgeber seiner Filmfirma und deren Angestellte. Die übrigen 14 Mio. fließen in Weinsteins Anwalts- und Prozesskosten.