Ausgabe Juli 2006

Kultur der Einwanderung oder Krise der Integration

Nordamerika und Europa im Vergleich

Verfechter der multikulturellen Gesellschaft und der mit ihr verbundenen Idee einer kulturelle Differenz wahrenden Integration von Einwanderern sehen sich in jüngster Zeit stark in die Defensive gedrängt. Wurde der Multikulturalismus noch vor wenigen Jahren vorrangig unter dem Signum der Bereicherung wahrgenommen, gilt er in weiten Teilen der politischen Öffentlichkeit inzwischen als unwiderruflich gescheitert. Wenn gegenwärtig noch von der Aufgabe der Integration von Migrantinnen und Migranten und des Umgangs mit kultureller Vielfalt die Rede ist, so findet diese fast durchgängig in Bezug auf ein Bedrohungsszenario Erwähnung. Insbesondere in Europa beherrscht der Gedanke einer Gefährdung durch den politisch radikalisierten Islamismus die Debatte. Phänomene wie das Aufbegehren der Jugendlichen in den Banlieus von Paris, die Debatte um den Stellenwert des Kopftuchs in öffentlichen Institutionen, die Ermordung von Theo van Gogh, der Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen, „Ehrenmorde“ an jungen Musliminnen und die unterstellte Herausbildung so genannter Parallelgesellschaften werden – zumindest in der dominanten europäischen Debatte – durch den Verweis auf die Bedrohung durch religiösen Fundamentalismus und nicht tolerierbare kulturelle Differenzen gedeutet.

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.