Ausgabe Oktober 2006

Kapitalismus ohne Gewerkschaften?

Die Gewerkschaften standen zwar nicht direkt an der Wiege des Kapitalismus, aber sie begleiteten schon früh seinen Aufstieg. Nach mehr als 200 Jahren historischer Erfahrung mit dem industriellen Kapitalismus drängt sich heute jedoch eine Frage auf, die lange Zeit als obsolet gelten konnte: Ist der Kapitalismus auch ohne Gewerkschaften vorstellbar? Eigentlich war diese Frage durch empirische Evidenz längst verneint worden. Gewerkschaften schienen ebenso selbstverständlich dem Kapitalismus zugehörig wie die abhängige Arbeit. Der auf freien Arbeitsmärkten basierende industrielle Kapitalismus generierte, so die historisch gesicherte Annahme, nahezu zwangsläufig Gewerkschaften als Schutz- und Verteidigungsorganisationen der Lohnarbeiter.

In der Tat hatten die sozialen Probleme im Gefolge von Liberalisierung, Privatisierung und Kommerzialisierung der Arbeit in allen industriekapitalistischen Ländern gewerkschaftliche Organisationsbildungen zur Folge. Selbst Koalitionsverbote, Sozialistengesetze und mannigfache staatliche Repression konnten die Entstehung gewerkschaftlicher Organisationen nicht unterbinden. Der frühindustriellen Leidensgeschichte folgte, mit zeitweiligen Rückschlägen, eine beispiellose Erfolgsgeschichte: Seit der Industriellen Revolution konnten die Gewerkschaften ihre Rolle in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik sukzessive ausbauen. Wird nun das 21.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (3.00€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.