Ausgabe Mai 2007

Tragische Individualisierung

Richard Sennett, dessen soziologisches Werk wir heute mit dem Hegel-Preis ehren, könnte in der Tat am Tage des Jüngsten Gerichts zu Tränen der Scham gerührt vor Gott stehen, wenn dieser die Musik erklingen ließe, die er, Sennett, gewiss komponiert und zelebriert hätte, hätte sein Leben nicht eine andere, nämlich die soziologische Wendung genommen. Denn Richard Sennett ist sehr vieles, aber eines gewiss nicht: ein Nur-Soziologe. Und gerade das macht ihn zum Soziologen. Diese Brechung des Blicks, dieses musische Bewusstsein, ja das Musikalische seiner Sprache und seines Denkens wecken Neid und Hass bei den Nur-Soziologen und machen Sennett zu einem der wenigen öffentlichen Denker des Sozialen weltweit. Was diese wenigen miteinander gemein haben, ist – um es in den Worten von Martin Heidegger zu sagen –, dass sie „zwischen einem gelehrten Gegenstand und einer gedachten Sache“ unterscheiden können, und dass ihnen der gelehrte Gegenstand ziemlich gleichgültig ist. Gerade in Zeiten fundamental diskontinuierlicher Erfahrungen, wie den unseren, wird das sich der akademischen Disziplin Fügen leicht zu einem intellektuellen Verrat, weil es ganz aufregend erneut um das Denken des plötzlich wieder fremd und unbekannt gewordenen Sozialen geht.

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