Richard Sennett, dessen soziologisches Werk wir heute mit dem Hegel-Preis ehren, könnte in der Tat am Tage des Jüngsten Gerichts zu Tränen der Scham gerührt vor Gott stehen, wenn dieser die Musik erklingen ließe, die er, Sennett, gewiss komponiert und zelebriert hätte, hätte sein Leben nicht eine andere, nämlich die soziologische Wendung genommen. Denn Richard Sennett ist sehr vieles, aber eines gewiss nicht: ein Nur-Soziologe. Und gerade das macht ihn zum Soziologen. Diese Brechung des Blicks, dieses musische Bewusstsein, ja das Musikalische seiner Sprache und seines Denkens wecken Neid und Hass bei den Nur-Soziologen und machen Sennett zu einem der wenigen öffentlichen Denker des Sozialen weltweit. Was diese wenigen miteinander gemein haben, ist – um es in den Worten von Martin Heidegger zu sagen –, dass sie „zwischen einem gelehrten Gegenstand und einer gedachten Sache“ unterscheiden können, und dass ihnen der gelehrte Gegenstand ziemlich gleichgültig ist. Gerade in Zeiten fundamental diskontinuierlicher Erfahrungen, wie den unseren, wird das sich der akademischen Disziplin Fügen leicht zu einem intellektuellen Verrat, weil es ganz aufregend erneut um das Denken des plötzlich wieder fremd und unbekannt gewordenen Sozialen geht.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.