Ausgabe Dezember 2008

Die Ideologie des Neoliberalismus als kulturelles Kapital

Als der Münchener Ökonom Hans-Werner Sinn Ende Oktober die gegenwärtige Wirtschaftskrise mit den Worten kommentierte, 1929 habe die Suche nach „Sündenböcken“ in Deutschland eben die Juden getroffen, heute treffe es die Manager, löste der unsägliche Vergleich völlig zu Recht einen Proteststurm aus. Fast gänzlich übersehen wurde dabei der eigentliche und in sich höchst bemerkenswerte Kern der Argumentation. Sinn wollte nämlich lediglich gemeint haben, wie er in seiner folgenden Entschuldigung gegenüber dem Zentralrat der Juden noch einmal unterstrich, dass die Suche nach vermeintlich Schuldigen stets in die Irre führe. Denn die wirkliche Ursache der Krise seien nicht Personen, sondern Systemfehler.

Ging es Sinn tatsächlich nur darum, die Herrschaft des Systems und die Ohnmacht des Einzelnen zu postulieren, stellt sich allerdings die Frage, wie sich dann – wenn ohnehin nur der Sachzwang obwaltet – eigentlich die horrenden Managereinkünfte erklären.1

In jedem Fall ist es ein bemerkenswertes Phänomen, dass es im Augenblick der Krise – wieder einmal – niemand gewesen sein will. Allerdings verbirgt sich dahinter eine erstaunliche Konsequenz.

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