Ausgabe September 2008

Restauration statt Wandel

Das duale Bildungssystem in der Krise

Wenn es so etwas wie „nationale Gewissheiten“ gibt, so gehört in Deutschland der Glaube an zwei Institutionen dazu: das Gymnasium und die betriebliche Lehrlingsausbildung. Die beiden aufstrebenden Klassen des 19. Jahrhunderts, das städtische Bürgertum einerseits und die industrielle Arbeiterschaft andererseits, schufen sich mit und in diesen getrennten, gegeneinander abgeschotteten Bildungs- und Ausbildungswegen ihren jeweiligen Zugang zu Gesellschaft, Aufstieg und Anerkennung. Die eine Klasse setzte auf Bildung, Abitur und Studium, die andere – in der Tradition der deutschen Handwerkszünfte – auf Gesellenprüfung, Beruf und möglichst frühzeitige Integration in das Erwerbsleben.

Insbesondere im dualen Ausbildungssystem von Betrieb und Berufsschule sehen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, vor allem ihre Interessenvertreter in den Kammern und den Gewerkschaften, bis heute ein Element des Erfolgsweges „made in Germany“. Das deutsche Berufsprinzip, der geordnete, gesetzlich geregelte Weg zum Erwerb von Kenntnissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten, steht nicht nur für fachliche Qualifikation und Kompetenz. Es spiegelt gesellschaftliche Anerkennung und ist ein Stück der persönlichen Identität, mit dem es gelingt, so die Grundannahme, Wechselfälle im Erwerbsleben „zu bewältigen und selbst in die Hand zu nehmen“.

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