Ausgabe September 2008

Restauration statt Wandel

Das duale Bildungssystem in der Krise

Wenn es so etwas wie „nationale Gewissheiten“ gibt, so gehört in Deutschland der Glaube an zwei Institutionen dazu: das Gymnasium und die betriebliche Lehrlingsausbildung. Die beiden aufstrebenden Klassen des 19. Jahrhunderts, das städtische Bürgertum einerseits und die industrielle Arbeiterschaft andererseits, schufen sich mit und in diesen getrennten, gegeneinander abgeschotteten Bildungs- und Ausbildungswegen ihren jeweiligen Zugang zu Gesellschaft, Aufstieg und Anerkennung. Die eine Klasse setzte auf Bildung, Abitur und Studium, die andere – in der Tradition der deutschen Handwerkszünfte – auf Gesellenprüfung, Beruf und möglichst frühzeitige Integration in das Erwerbsleben.

Insbesondere im dualen Ausbildungssystem von Betrieb und Berufsschule sehen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, vor allem ihre Interessenvertreter in den Kammern und den Gewerkschaften, bis heute ein Element des Erfolgsweges „made in Germany“. Das deutsche Berufsprinzip, der geordnete, gesetzlich geregelte Weg zum Erwerb von Kenntnissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten, steht nicht nur für fachliche Qualifikation und Kompetenz. Es spiegelt gesellschaftliche Anerkennung und ist ein Stück der persönlichen Identität, mit dem es gelingt, so die Grundannahme, Wechselfälle im Erwerbsleben „zu bewältigen und selbst in die Hand zu nehmen“.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2020

In der Januar-Ausgabe warnt der Journalist Alexander Hurst vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA, sollte Donald Trump eine Abwahl in einem Jahr nicht akzeptieren. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die Hindu-Nationalisten die innere Vielfalt Indiens bekämpfen und selbst vor kriegerischen Mitteln nicht halt machen. »Blätter«-Redakteurin Julia Schweers beleuchtet den Generationenkonflikt, der in Afrika zu einer dritten kontinentalen Protestwelle führen könnte. Der Soziologe Mathias Greffrath fordert die Abkehr vom Mantra des ständigen Wachstums, um dem »Zeitalter der Verwüstung« ein Ende zu setzen. Und »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik analysiert die antisemitische Kontinuität von der DDR bis ins heutige Ostdeutschland.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Zusteller in einer Sackgasse

Bild: Baptiste Theureaux / Pixabay

Vom Verlust guter Arbeit: Das Elend der Paketboten

von Anette Dowideit

Arbeit ist einer der wichtigsten Lebensinhalte der Menschen heute. Sie stiftet Sinn, sie gibt den Menschen das Gefühl, etwas wert zu sein. Wer hingegen keine Arbeit hat, beginnt auch schneller an der Politik zu zweifeln, die er dafür verantwortlich macht.

Kollege Weinstein: Sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz

von Godela Linde

Harvey Weinstein, der einst gefeierte, dann aber massiver sexueller Belästigung und Vergewaltigung beschuldigte Hollywood-Produzent, greift auf seine Versicherung zurück: Diese zahlt 44 Mio. US-Dollar, davon 30 Mio. an betroffene Frauen, die Geldgeber seiner Filmfirma und deren Angestellte. Die übrigen 14 Mio. fließen in Weinsteins Anwalts- und Prozesskosten.