Ausgabe Mai 2009

Nordkoreanischer Atompoker

Der nordkoreanische Raketentest vom 5. April war vom Regime in Pjöngjang als gigantisches Medienereignis inszeniert worden. Bereits seit Januar liefen die Vorbereitungen. Nach dem Test wurden Videos von dem Start gesendet, die dann auch schnell im Ausland zu sehen waren. Angeblich soll der Start auch so gelegt worden sein, dass ihn ein US-Kommunikationssatellit beobachten und Bilder verbreiten konnte. Als Krönung der Inszenierung wurden zudem nach dem Start in Pjöngjang mehr als 100 000 Menschen zur Feier des erfolgreichen Tests abkommandiert.

Die wirkungsvolle Inszenierung und der Umstand, dass der Test nur vier Tage vor der Wiederwahl Kim Jong-Ils als Vorsitzender der Verteidigungskommission stattfand, zeigen, dass der Test wesentlich aus innenpolitischen Gründen erfolgte. Kim, der, wie im Fernsehen zu sehen war, sichtlich gealtert ist und nach seinem Schlaganfall den linken Arm offensichtlich nicht voll bewegen kann, dürfte die Stärkung seiner Position durch den Raketentest als nötig betrachtet haben. Denn er muss angesichts seiner wachsenden Hinfälligkeit die Nachfolgefrage lösen – und dies wird nicht leicht: Sein ältester Sohn ist in Ungnade gefallen, die beiden anderen Söhne sind aber zu jung, um in einer Gesellschaft, in der das Alter einen hohen Stellenwert besitzt, von den Greisen der Militärführung anerkannt zu werden.

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe November 2020

In der November-Ausgabe analysieren die Politikwissenschaftler Steven Levitsky und Daniel Ziblatt, wie eine Politik der Feindschaft zunehmend die US-amerikanische Demokratie zersetzt. Der Journalist George Packer sieht – mit Blick auf die US-Präsidentschaftswahl am 3. November – eine letzte Chance, Amerika neu zu erschaffen. Der Ökonom James K. Galbraith plädiert in Zeiten der Krise für eine Rückbesinnung auf den Rooseveltschen New Deal. „Blätter“-Redakteur Daniel Leisegang warnt vor einem digitalen Kalten Krieg zwischen den USA und China. Und die Politikwissenschaftlerin Melanie Müller beleuchtet den doppelten Kampf Südafrikas gegen Corona und Korruption.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

TikTok oder: Der digitale Kalte Krieg

von Daniel Leisegang

Anfang Oktober feierte Instagram seinen zehnten Geburtstag. In digitalen Zeiten ist dies ein stolzes Alter. Und auch die Nutzerzahlen des sozialen Netzwerks können sich sehen lassen: Mehr als eine Milliarde Menschen aus aller Welt teilen dort ihre Fotos und Videos. Dennoch war die Feierlaune im Hause Facebook, das Instagram 2012 aufkaufte, getrübt. Denn schon seit längerem steht weniger Instagram als vielmehr ausgerechnet die aus China stammende Konkurrenz TikTok für den digitalen Zeitgeist.

Der Kampf der Weltanschauungen

von Micha Brumlik

Die Konfrontation der Weltmächte USA und China ist auch eine Konfrontation zweier Philosophien: Ein westlicher, die Menschenrechte ins Zentrum stellender Universalismus wird dabei von einem Universalismus der friedlichen Koexistenz unterschiedlicher Systeme herausgefordert.