Ausgabe Januar 2010

Die süße Täuschung der Oberflächlichkeit

Über die Verdrängung unserer kulturellen Krise

Die Studenten gehen wieder auf die Straße – und das ist gut so. Wenn heute die Schüler und Studenten in Aufruhr sind, so haben sie nicht nur Recht, sondern auch das Verdienst, auf einen tiefliegenden Irrtum hinzuweisen.

Wenn jemand bis vor Kurzem von „der Krise“ redete, dann meinte er in der Regel die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise. Sie hat damit sogar die Klima- und Umweltkrise im Bewusstsein vieler verdrängt. Nur infolge der plötzlichen Schüler- und Studentenproteste fällt jetzt einigen beim Stichwort Krise auch die Krise unseres Bildungssystems ein.

Der Irrtum geht jedoch noch darüber hinaus, wenn nämlich die erkannten Krisen nicht in einen Zusammenhang gestellt werden. Was soll schon die Finanzkrise mit der Bildungskrise zu tun haben? Jene ist von unverantwortlich handelnden Bankern ausgelöst worden, diese von Politikern, die jahrzehntelang fast alles wichtiger fanden als in Kindergärten, Schulen und Universitäten zu investieren. Wo also besteht der Zusammenhang?

Zweifellos ist die lange Zeit von den Verantwortlichen verschleppte Bildungskrise eine der Ursachen der Umwelt-, Finanz- und Wirtschaftskrise.

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2020

In der April-Ausgabe analysiert der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel, wie die Corona-Krise die große Erzählung vom Segen der Globalisierung endgültig entzaubert. Der Ökonom Thomas Piketty widmet sich der Ideologie der Ungleichheit und zeigt: Das Aufstiegsversprechen westlicher Gesellschaften ist nicht länger tragfähig. Der Historiker Yoni Appelbaum erkennt im demographischen Wandel in den USA einen zentralen Treiber für den wachsenden Hass in der amerikanischen Gesellschaft. Der Migrationsforscher Mark Terkessidis geht den kolonialen Wurzeln des Rassismus auf den Grund. Und die Juristin und »Blätter«-Mitherausgeberin Rosemarie Will würdigt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidassistenz.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Wettbewerb vor Wissenschaft: Schwarz-rote Hochschulpolitik

von Andreas Keller

Sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts wollen Bund und Länder eigentlich für die Bildung ausgeben und weitere drei Prozent für Forschung und Entwicklung. Darauf jedenfalls verständigten sie sich beim Dresdener Bildungsgipfel im Jahr 2008. Doch tatsächlich verfehlen sie das gesetzte Ziel nun schon seit zehn Jahren. Abhilfe verspricht nun die schwarz-rote Koalition.