Ausgabe Januar 2010

Zeitdiagnostik und kreative Utopie

Laudatio auf Samir Amin

Samir Amin ist ein überragender Intellektueller von großer Produktivität und mit einem weltweiten Horizont. Sein Werk ist das Gegenteil jener Schmalspurigkeit, die viele Entwicklungstheoretiker und -planer kennzeichnet. Deren szientistische Verengung, ihr Modellplatonismus, ist Amin fremd.

Sein ständiger Impetus besteht darin, neue Entwicklungstrends zu registrieren, eigene Positionen neu zu überdenken, Debatten anzustoßen und in laufende einzugreifen. Die Quelle für diesen intellektuellen und politischen Impetus ist eine anhaltende Neugier, auch eine politische Streitlust. Und Neugier wie Streitlust reichen weit: von analytischen Beiträgen über weltgeschichtliche Entwicklungen vor der Existenz des Kapitalismus bis hin zu Reflexionen über aktuelle Entwicklungsprojekte im kleinsten Umkreis.

Samir Amins Fähigkeit, erfahrungswissenschaftliche Forschungen im besten Sinne des Begriffes, also auch in historischer und komparativer Perspektive, zu betreiben, ist bereits eine Seltenheit in der akademischen Welt. Dass er seine Analysen zudem immer im Hinblick auf soziostrukturelle Gegebenheiten, politische Machtlagen sowie Programmatiken, Ideologien und Mentalitäten betreibt, macht ihn zu einer nicht versiegenden Inspirationsquelle eines jeglicher Orthodoxie und Dogmatik abholden historischen Materialismus.

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Aktuelle Ausgabe Mai 2020

In der Mai-Ausgabe analysiert der Historiker Adam Tooze das radikal Neue der Coronakrise, deren ökonomische Folgen uns noch auf Jahrzehnte beschäftigen werden. Die Politikwissenschaftler Kurt M. Campbell und Rush Doshi zeigen, wie sich China im Kampf gegen die Pandemie als neue globale Führungsmacht positioniert – vor allem gegen die USA. Der Historiker Yuval Noah Harari mahnt, dass wir Herausforderungen wie Covid-19 nur in globaler Kooperation bewältigen können. „Blätter“-Redakteur Albrecht von Lucke erörtert, wie sich die Demokratie gegen den Ausnahmezustand bewähren kann – und muss. Und Simone Schlindwein, Ellen Ehmke, Jessé Souza sowie Franziska Fluhr widmen sich den Folgen der Coronakrise für den globalen Süden.

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