Ausgabe Januar 2010

Zeitdiagnostik und kreative Utopie

Laudatio auf Samir Amin

Samir Amin ist ein überragender Intellektueller von großer Produktivität und mit einem weltweiten Horizont. Sein Werk ist das Gegenteil jener Schmalspurigkeit, die viele Entwicklungstheoretiker und -planer kennzeichnet. Deren szientistische Verengung, ihr Modellplatonismus, ist Amin fremd.

Sein ständiger Impetus besteht darin, neue Entwicklungstrends zu registrieren, eigene Positionen neu zu überdenken, Debatten anzustoßen und in laufende einzugreifen. Die Quelle für diesen intellektuellen und politischen Impetus ist eine anhaltende Neugier, auch eine politische Streitlust. Und Neugier wie Streitlust reichen weit: von analytischen Beiträgen über weltgeschichtliche Entwicklungen vor der Existenz des Kapitalismus bis hin zu Reflexionen über aktuelle Entwicklungsprojekte im kleinsten Umkreis.

Samir Amins Fähigkeit, erfahrungswissenschaftliche Forschungen im besten Sinne des Begriffes, also auch in historischer und komparativer Perspektive, zu betreiben, ist bereits eine Seltenheit in der akademischen Welt. Dass er seine Analysen zudem immer im Hinblick auf soziostrukturelle Gegebenheiten, politische Machtlagen sowie Programmatiken, Ideologien und Mentalitäten betreibt, macht ihn zu einer nicht versiegenden Inspirationsquelle eines jeglicher Orthodoxie und Dogmatik abholden historischen Materialismus.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe August 2020

In der Augustausgabe beleuchtet Masha Gessen die clanartigen Strukturen von Trumps Mafia-Staat. Michael Tomasky sieht den designierten Präsidentschaftskandidaten Joe Biden auf dem Weg nach links – und erkennt bei dem US-Demokraten gar rooseveltsche Ambitionen. Wieslaw Jurczenko analysiert die Ursachen des Wirecard-Desasters und damit das Totalversagen der deutschen Finanzaufsicht. Raul Zelik fordert, die Eigentumsverhältnisse wieder in den Blick zu nehmen, um so den Sozialismusbegriff wiederzubeleben. Und Klaus Vieweg befreit Hegel, der vor knapp 250 Jahren geboren wurde, vom Totalitarismusverdacht.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema