Ausgabe Februar 2012

Russischer Frühling?

Die gelenkte Demokratie vor der Präsidentenwahl

Professor Lew Gudkow war pessimistisch. Noch Ende November, nur wenige Tage vor den skandalösen Parlamentswahlen vom 4. Dezember, die die Lage in Russland deutlich verändern sollten, prognostizierte der Leiter des renommierten Moskauer Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum bei einer Diskussionsrunde in Berlin, die russische Gesellschaft werde auch in zehn Jahren noch etwa so aussehen wie heute. Tiefgreifende Veränderungen, die das Land so dringend brauche, werde es kaum geben. Gudkow begründete das damit, dass die institutionellen Reformen entweder auf Eis gelegt wurden oder lediglich als Absichtserklärung existierten. Kräfte, die das ändern könnten oder wollten, seien nicht in Sicht, analysierte er mit Blick auf die als sicher scheinende Wiederwahl Wladimir Putins bei der Präsidentenwahl am 4. März 2012. Gleichwohl sei die russische Gesellschaft von tiefgreifenden Widersprüchen gekennzeichnet, die unter der Oberfläche gärten.

Nur wenige Tage und ein paar Demonstrationen später schien Russland wie ausgewechselt. Die von Gudkow erwähnten Widersprüche unter der Oberfläche hatten sich schneller als erwartet ein Ventil geschaffen und die Führung um Noch-Premier Wladimir Putin und Noch-Präsident Dmitri Medwedjew in Verwirrung gestürzt. Bis zu 120 000 Menschen hatten am 24.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (9.50€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2020

In der Januar-Ausgabe warnt der Journalist Alexander Hurst vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA, sollte Donald Trump eine Abwahl in einem Jahr nicht akzeptieren. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die Hindu-Nationalisten die innere Vielfalt Indiens bekämpfen und selbst vor kriegerischen Mitteln nicht halt machen. »Blätter«-Redakteurin Julia Schweers beleuchtet den Generationenkonflikt, der in Afrika zu einer dritten kontinentalen Protestwelle führen könnte. Der Soziologe Mathias Greffrath fordert die Abkehr vom Mantra des ständigen Wachstums, um dem »Zeitalter der Verwüstung« ein Ende zu setzen. Und »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik analysiert die antisemitische Kontinuität von der DDR bis ins heutige Ostdeutschland.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

SPD-Parteitag

Bild: imago images / IPON

2020: Jahr des Übergangs, Jahr der Entscheidung

von Albrecht von Lucke

„In die Neue Zeit“ war der SPD-Bundesparteitag Anfang Dezember überschrieben, und tatsächlich steht die Wahl von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans zum ersten Duo an der SPD-Spitze für eine historische Zäsur. Dabei könnte die neue Führung selbst nur ein Übergangsduo sein.

Bild: imago images / Independent Photo Agency Int.

Sardinen gegen Salvini: Protest auf Italienisch

von Andrea Affaticati

Mit diesem Sardinenschwarm, der von Tag zu Tag größer wird und sich von Nord nach Süd über ganz Italien erstreckt, hatte niemand gerechnet. Und schon gar nicht die Politiker. Seit Jahren gab es kein Aufbäumen mehr in der Zivilgesellschaft, als sei diese in Schockstarre verfallen.

Indische Soldaten

Bild: imago images / Hindustan Times

Das Ende des indischen Traums

von Arundhati Roy

Indien lebte stets von seiner Vielfalt und seinen Gegensätzen. Doch seit der Wahl von Narendra Modi zum Premierminister droht sich das zu ändern: Denn Modi kämpft für eine Vorherrschaft der Hindus – und zwar mit allen Mitteln.