Ausgabe Juli 2014

Die Eskalation des Schreckens

Von der Julikrise 1914 zur Politik der "revolutionären Infizierung"

Die in Deutschland immer wieder kaskadenartig geführte Kriegsschulddebatte, in deren Zentrum seit Anfang der 1960er Jahre die Thesen des Hamburger Historikers Fritz Fischer stehen, hat den politischen Blick auf den Ersten Weltkrieg und seine Folgen eher verstellt als geöffnet. Vor allem hat sie die Beschäftigung mit dem Krieg auf dessen Vorgeschichte und die Juli-Krise von 1914 fokussiert, was zur Folge hatte, dass der Verlauf des Krieges ebenso wie die in ihm zusammenfließenden macht- und geopolitischen Konflikte kaum thematisiert wurden. Diese Nicht-Beschäftigung mit dem Krieg selbst, die unter anderem darin ihren Niederschlag gefunden hat, dass in Deutschland über bald vier Jahrzehnte keine große Darstellung des Krieges geschrieben wurde, hat dazu beigetragen, dass die Gewaltförmigkeit der europäischen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wesentlich auf das Machtstreben der deutschen Eliten zurückgeführt und als moralische Herausforderung der Deutschen begriffen worden ist. Beides hat seine Berechtigung: Die deutschen Eliten haben beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs wie bei der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs in der Tat eine verhängnisvolle Rolle gespielt.

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Erfahrung der Freiheit: Die Kinder von Tschernobyl

von Olga Bubich

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen.