Ausgabe August 2015

Der neue Cybernationalismus

China und Indien auf der Suche nach einer »alternativen Moderne«

Indien und China, die beiden Milliarden-Menschen-Mächte, wurden Ende der 1940er Jahre zu souveränen Staaten. Gleichzeitig verschrieben sie sich der Vision einer sozialistischen Modernisierung und behielten einander dabei stets neugierig und wachsam im Auge. In den letzten Jahren haben sich die beiden Staaten zunehmend auf eine triumphale Geschichtsdarstellung eingelassen – wonach die westlich-kapitalistische Moderne außerwestlichen Völkern den richtigen Weg zu Fortschritt und Entwicklung gewiesen habe. Doch für viele Inder und Chinesen war ihre nationale Erfahrung und Identität vor allem vom Kampf für die Befreiung von der militärischen und wirtschaftlichen Beherrschung durch den Westen geprägt.

Besonders eng war die Beziehung beider Länder im ersten Jahrzehnt ihrer Unabhängigkeit, als sie versuchten, dem amerikanischen Druck im Hinblick auf einen Eintritt in den Kalten Krieg zu widerstehen und für die jungen postkolonialen Nationen eine neutrale Außenpolitik zu formulieren. Auf dem historischen Gipfeltreffen neuer asiatischer und afrikanischer Staaten im April 1955 in Bandung schienen Mao, der chinesische Premierminister Zhou Enlai und der erste indische Ministerpräsident Jawaharlal Nehru ganz natürliche Bundesgenossen zu sein bei der gleichermaßen schweren Aufgabe, Hunderte Millionen von Menschen aus Elend und Armut herauszuführen.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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