Ausgabe Oktober 2015

Die schwierige Einheit: Gewerkschaften vor der Zerreißprobe

Gewerkschaften werden gegründet, um die Konkurrenz in den eigenen Reihen auszuschließen. Geschlossenheit und Einheit stehen daher obenan im gewerkschaftlichen Tugend-Kanon. „Schafft die Einheit“, in diese Mahnung hatte Wilhelm Leuschner vor seiner Ermordung 1944 die Lehren aus der Zerstörung der Weimarer Demokratie und aus der Ohnmacht der Gewerkschaften zusammengefasst. Im Lichte dieser Erfahrungen entstanden die neuen Gewerkschaften nach der Befreiung vom Nationalsozialismus als Einheitsgewerkschaften im doppelten Sinne: in Abgrenzung zu Richtungsgewerkschaften wie zur Überwindung kleinteiliger Zersplitterung in Berufs-, Sparten- oder gar Betriebsgewerkschaften. Rechtlicher Ausdruck der konkurrenzausschließenden Einheit ist der zwingende, nicht unterschreitbare Tarifvertrag; nicht umsonst gehört es aktuell zum Standardprogramm des IWF und anderer Gläubigerinstitutionen, den Schuldnerstaaten den Ausschluss nationaler Tarifverträge und den Vorrang betrieblicher Regelungen zur Auflage zu machen, damit der (Dumping-)Wettbewerb sich ungehemmt entfaltet.

Um die Einheit ist es hierzulande derzeit schlecht bestellt. Nicht nur dass einige Berufsverbände aus ehemals bestehenden Tarifgemeinschaften ausgebrochen sind und ihren vormaligen Partnern durch konfliktbereite Tarifpolitik den Schneid abkaufen.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2020

In der April-Ausgabe analysiert der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel, wie die Corona-Krise die große Erzählung vom Segen der Globalisierung endgültig entzaubert. Der Ökonom Thomas Piketty widmet sich der Ideologie der Ungleichheit und zeigt: Das Aufstiegsversprechen westlicher Gesellschaften ist nicht länger tragfähig. Der Historiker Yoni Appelbaum erkennt im demographischen Wandel in den USA einen zentralen Treiber für den wachsenden Hass in der amerikanischen Gesellschaft. Der Migrationsforscher Mark Terkessidis geht den kolonialen Wurzeln des Rassismus auf den Grund. Und die Juristin und »Blätter«-Mitherausgeberin Rosemarie Will würdigt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidassistenz.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema