Ausgabe September 2015

Die Metamorphose des Liberalismus

Vom Reich des kleineren Übels zur schönen neuen Welt

Wie kann man dem Krieg aller gegen alle entkommen, wenn die Tugend nur eine Maske für Selbstliebe ist, wenn man niemandem trauen und sich nur auf sich selbst verlassen kann? So lautet letztlich die Eingangsfrage der Moderne, jener merkwürdigen Zivilisation, die als erste der Geschichte ihren Fortschritt auf ein systematisches Misstrauen, die Angst vor dem Tod und die Überzeugung von der Unmöglichkeit des Liebens und Gebens gründet. Es ist die Stärke der Liberalen, die einzige mit dieser verzweifelten Anthropologie vereinbare politische Lösung anzubieten. In der Tat unterstellen sie sich dem einzigen Prinzip, das weder lügen noch enttäuschen kann: dem Eigeninteresse des Individuums.[1] Der „natürliche“ Egoismus des Menschen, seit den Moralisten des 17. Jahrhunderts das Kreuz der modernen Philosophien, wird mit dem Triumph des Liberalismus zum Prinzip aller denkbaren Lösungen.[2]

Der Liberale verstand sich also anfangs als einen realistischen und illusionslosen Menschen. Sicher, er konnte zwischen dem Zynismus von Mandeville, der gelassenen Humeschen Skepsis oder der Melancholie Constants schwanken. Aber unabhängig von seinem persönlichen Gleichgewicht bestand er stolz auf seinem Empirismus und seiner Mäßigung.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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