Ausgabe September 2015

Wider die Instrumentalisierung der Geschichte

Die neue deutsche Erinnerungspolitik seit 1990

Mit großer medialer Resonanz wurden die Gedenkveranstaltungen zum 70. Jahrestag des Kriegsendes begangen. Sie stehen für einen tiefen Einschnitt in der deutschen Erinnerungskultur: Das Ende der Zeitzeugenschaft rückt immer näher. Eines „natürlichen Todes“ wird die Erinnerung an die nationalsozialistische Terrorherrschaft aber kaum sterben, vielmehr gibt es einen immer freimütiger geäußerten Aufarbeitungsstolz. Doch Aufarbeitung ist alles andere als ein Selbstzweck, spätestens seit Helmut Kohl kann man von einer innen- und außenpolitischen Indienstnahme der Vergangenheit für die Gegenwart sprechen. Heute hat die Instrumentalisierung der Geschichte für aktuelle tagespolitische Zwecke ein alles bestimmendes Ausmaß angenommen, das wie das religiöse Diktat der Kirchen tabuisierend, dogmatisch und einschüchternd wirkt und jeglichen freien politischen Diskurs abzuwürgen droht. Ob man etwa für oder gegen einen härteren Kurs gegen Russland ist, hängt, so wird von beiden Seiten suggeriert, von den richtigen „Lehren der Geschichte“ ab, die natürlich alle Akteure für sich selbst reklamieren.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2020

In der Februar-Ausgabe warnen die ehemaligen US-Politiker Ernest J. Moniz und Sam Nunn vor einem erneuten Wettrüsten zwischen Russland und den USA. Hans-Gerd Marian und Michael Müller von den NaturFreunden Deutschlands legen die braunen Linien der deutschen Umweltbewegung offen. Der Vorsitzende der SWP, Volker Perthes, fragt nach den Auswirkungen der jüngsten Spannungen zwischen den USA und Iran – auch und gerade für Europa. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die regierenden Hindu-Nationalisten Millionen Menschen zu Staatenlosen machen und so ein neues Kastensystem schaffen könnten. Und der Stadtforscher Paul Chatterton skizziert die Zukunft der klimaneutralen, nachhaltig produzierenden Stadt.

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