Ausgabe Januar 2016

Streben nach Hoffnung

Das Narrativ der Flucht und die Ideologie des Nationalstaats

Fluchtzwänge können aus Umwelt-, Wirtschafts- oder Bürgerkriegstraumata erwachsen. Das Resultat sind in jedem Fall traumatisierte Flüchtlinge. Mit ihren Ansprüchen an die Aufnahmebereitschaft der Gesellschaften, in denen sie landen, geraten die Flüchtlinge stets in eine Grauzone zwischen Gastfreundschaft, Asyl und Freiheitsentzug. Verantwortlich dafür ist die kategoriale Unbestimmtheit ihres Status, in dem sich Charakteristika des Fremden, des Opfers, des Kriminellen und eines Reisenden ohne Ausweispapiere vermischen.

Das Trauma des zur Flucht Gezwungenen rührt zugleich an die tiefsten Ängste des modernen Nationalstaats. Er verlässt sich auf Grenzen, Volkszählungen, Steuern und administrative Erfassung. So erleben Flüchtlinge in ihrem neuen Land neue Traumata, die darum kreisen, dass er oder sie zwar einen Plot, eine Geschichte, hat, die Persönlichkeit, Identität oder der Name des Neuankömmlings jedoch unbekannt sind. Wenn wir eine neue Form rechtlicher und moralischer Gastlichkeit entwickeln wollen, stehen wir vor dem Problem, einen zur Geschichte passenden Namen, eine zum Narrativ passende Identität finden zu müssen.

Das Problem des modernen Nationalstaats wiederum besteht darin, dass seine Kernnarrative in Sachen Identität auf vorgegebene Ausgangspunkte festgelegt sind: Blut, Sprache, Religion und Territorium.

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