Ausgabe November 2016

Die neue Schuldknechtschaft und der Siegeszug der Finanzoligarchie

Während der Hochzeit der Industriellen Revolution ging man davon aus, dass der ökonomische Fortschritt stetig und universell sein werde, weil die Technologie universell ist. Gleichzeitig erwarteten viele Intellektuelle, angefangen von der deutschen Historischen Schule der Nationalökonomie bis zu den Marxisten, dass Gesellschaften ihre Steuer- und Finanzsysteme reformieren würden, um die effizientesten Produktionsweisen zu unterstützen. Es schien, als werde ein natürlicher Entwicklungstrend den Lebensstandard kontinuierlich heben und eine Überflussgesellschaft hervorbringen. Die Amerikanische Schule der Ökonomen entwickelte so im 19. Jahrhundert die Effizienzlohntheorie, wonach besser ausgebildete und besser ernährte Hochlohnarbeiter für einen Arbeitgeber kostengünstiger sein können als schlechter bezahlte, aber weniger produktive Arbeiter. Daraus folgte, dass die vom Klassenkampfdenken geprägte Sichtweise britischer Industrieller, wonach die niedrigen Löhne der Arbeiter ihr wichtigster Wettbewerbsvorteil seien, falsch war. Die Steigerung der Produktivität in der Industrie erforderte eine bessere Qualifizierung der Arbeiter und die Anhebung des Lebensstandards. Auch die politischen Erwartungen waren optimistisch: Die Modernisierung der Industrie erforderte demokratische Reformen, um die Macht von Grundherren und Monopolisten zu beschneiden.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2020

In der April-Ausgabe analysiert der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel, wie die Corona-Krise die große Erzählung vom Segen der Globalisierung endgültig entzaubert. Der Ökonom Thomas Piketty widmet sich der Ideologie der Ungleichheit und zeigt: Das Aufstiegsversprechen westlicher Gesellschaften ist nicht länger tragfähig. Der Historiker Yoni Appelbaum erkennt im demographischen Wandel in den USA einen zentralen Treiber für den wachsenden Hass in der amerikanischen Gesellschaft. Der Migrationsforscher Mark Terkessidis geht den kolonialen Wurzeln des Rassismus auf den Grund. Und die Juristin und »Blätter«-Mitherausgeberin Rosemarie Will würdigt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidassistenz.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Hellsicht in Zeiten des Umbruchs

von Christopher Resch

Sie sind nicht zu beneiden, die Experten, die Inhaber hoher internationaler Posten, die weißen Männer des Westens. Sozialisiert im Kalten Krieg, müssen sie miterleben, wie das Bündnis zwischen Europa und den USA wankt, das Systemdenken zerbricht, der Grund ihres Handelns ins Schwanken gerät.