Ausgabe Oktober 2016

Schicksalsfrage Anthropozän

Wie wir die Erde aufs Spiel setzen

Fin de Siècle, so hieß in Europa die von Frankreich ausgehende kulturelle Bewegung, die vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg den Verfall der alten Ordnung humorvoll, provokativ und tiefsinnig zum Thema machte: „Wir, die wir mit einem Fuß schon im zwanzigsten Jahrhundert stehen, sind über alles weit hinaus.“[1]

Am Ende des imperialen Europas gab es ein Durcheinander verschiedener Zeitalter, die im Konflikt zueinander standen: Auf der einen Seite die im Kern noch mittelalterliche Ordnung des Adels, der Kirche und des Militärs, aus der sich die reaktionäre Gegenbewegung gegen die Moderne speiste. Auf der anderen Seite die neue Welt des Kapitalismus, in der große Industriekomplexe entstanden, die Städte explosionsartig wuchsen und die Arbeiterschaft zur starken politischen Kraft aufstieg. In Literatur, Musik und Malerei breitete sich damals das intensive Lebensgefühl von Aufbruch und Fortschritt aus. Die Kaffeehäuser in Berlin, Paris und Wien waren geschwängert von überschäumender Zukunftseuphorie, bizarrem Weltschmerz und frivoler Leichtigkeit. Doch das Fin de Siècle blieb ein Mythos ohne Glanz, den Hugo von Hofmannsthal 1902 in seinem Stück „Ein Brief“ als tiefe Interpretations- und Orientierungskrise beschrieben hat.

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2020

In der Februar-Ausgabe warnen die ehemaligen US-Politiker Ernest J. Moniz und Sam Nunn vor einem erneuten Wettrüsten zwischen Russland und den USA. Hans-Gerd Marian und Michael Müller von den NaturFreunden Deutschlands legen die braunen Linien der deutschen Umweltbewegung offen. Der Vorsitzende der SWP, Volker Perthes, fragt nach den Auswirkungen der jüngsten Spannungen zwischen den USA und Iran – auch und gerade für Europa. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die regierenden Hindu-Nationalisten Millionen Menschen zu Staatenlosen machen und so ein neues Kastensystem schaffen könnten. Und der Stadtforscher Paul Chatterton skizziert die Zukunft der klimaneutralen, nachhaltig produzierenden Stadt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Hellsicht in Zeiten des Umbruchs

von Christopher Resch

Sie sind nicht zu beneiden, die Experten, die Inhaber hoher internationaler Posten, die weißen Männer des Westens. Sozialisiert im Kalten Krieg, müssen sie miterleben, wie das Bündnis zwischen Europa und den USA wankt, das Systemdenken zerbricht, der Grund ihres Handelns ins Schwanken gerät.