Ausgabe Oktober 2018

Das Elend des Wissensprekariats

Bild: AllzweckJack / photocase.com

In einem Café in einer typischen amerikanischen Universitätsstadt bekomme ich zufällig das Gespräch von zwei Mittzwanzigern mit: In gebildeter und selbstkritischer Manier beklagen sie den Zustand des Hochschulwesens, das heutzutage Fleiß und Arbeitsethik nicht mehr zu belohnen scheint. So stoßen sie immer wieder auf dieselbe Frage: Warum vier Jahre lang wie verrückt studieren, einen Studienkredit aufnehmen und anstrengende Nacht- und Wochenendjobs machen, wenn es dann da draußen quasi keine Aussicht auf Arbeit gibt? In den USA und einigen anderen Ländern müssen Studierende für ihre Ausbildung heftige Summen bezahlen – ohne jedoch dafür die hochwertige Bildung zu bekommen, die ihnen versprochen worden ist. Da die meisten Kurse nicht mehr von Professoren gegeben werden, sondern von Doktoranden oder Lehrbeauftragten, fühlen sie sich vom US-Bildungswesen betrogen.

Die Erfahrung dieser Studierenden verweist auf einen zentralen Widerspruch der neoliberalen Ökonomie. Im Zeitalter der Austerität steigern die Unternehmen ihre Gewinne nicht nur in den Wachstums-, sondern auch in den Krisenphasen. Heutzutage gilt das auch für Universitäten: Seit 2001 erlebten die amerikanischen Colleges einen bisher einzigartigen Zuwachs an Immatrikulationen um rund 5,1 Millionen Studierende, ein erheblicher Teil davon entfällt auf die Jahre nach der Finanzkrise von 2008.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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