Ausgabe Mai 2020

Der Putsch gegen die Demokratie

Wie sich die Autokraten in Polen und Ungarn der Corona-Angst bedienen

Die Coronakrise ist speziell für autokratische Politiker eine willkommene Chance bei ihrem Kampf gegen die Demokratie. So demonstrieren die starken Männer in Ungarn und Polen, Viktor Orbán und Jarosław Kaczyński, derzeit ganz offen ihre Geringschätzung gegenüber Grundsätzen der Gewaltenteilung. Während Kaczyński gezielt (Partei-)Politik mit der Epidemie betreibt, beansprucht Orbán sogar auf unbestimmte Zeit den staatlichen Ausnahmezustand.

Kritik von Experten wie von der Opposition spielt für den ungarischen Ministerpräsidenten dabei keine Rolle. Nach der Verabschiedung des Notstands mit der Dreiviertelmehrheit des Fidesz im ungarischen Parlament am 30. März sollten keine juristischen Fragen mehr diskutiert werden. Zweifel an seinem Notstandsregime begegnet Orbán in staatstragender Manier mit „jetzt wird keine Politik gebraucht“.[1] Stattdessen beschwört er einen drohenden Krieg, in dem die „Selbstverteidigung“ Ungarns mit einer Politik der Dekrete organisiert werden müsse. Dafür reichten „in Friedenszeiten geltende Regeln“ nicht aus, vielmehr sei eine neue Rechtsordnung für die Regierung nötig. Wenn die „unpatriotische“ Opposition[2] der unbefristeten Verhängung des Notstands nicht zustimme, werde man zur Tat übergehen.

Das Notstandsregime ist für Orbán durch höhere Quellen legitimiert, nämlich durch „die natürliche Intelligenz eines ernsthaften Volkes“.

Mai 2020

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Holger Friedrich und die OAZ: Wie ein Verleger Demokratiefeinde hofiert

von Matthias Meisner

Auf dem deutschen Medienmarkt gibt es seit Ende Februar eine neue Zeitung. Das ist angesichts der andauernden Krise der Printmedien bemerkenswert. Doch über die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« gibt es noch weit mehr zu sagen.