Ausgabe März 2022

Realismus vs. Krieg: Neutralität als Chance

kremlin.ru

Bild: kremlin.ru

In der militärischen Eskalation Russlands gegenüber der Ukraine manifestieren sich in verheerender Weise höchst einseitige Interpretationen und Instrumentalisierungen der Geschichte und ihrer Ereignisse – von russischer, aber auch von westlicher Seite.

Im Juni 2021 beschwor Russlands Präsident Wladimir Putin in einem Aufsatz die »dreieinige Nation« (Russland, Belarus, Ukraine) und die »historische Einheit« von Russen und Ukrainern und warnte vor einer feindlichen Übernahme des Nachbarlandes durch den Westen. Hinter diesem Denken steht mehr als nur die geostrategische Rivalität mit USA und Nato: Es ist, wie der Historiker Igor Torbakow beschreibt, die Konsequenz einer kulturellen Abwendung vom angeblich dekadenten Europa, die kremlnahe Intellektuelle bereits seit Jahren forcieren. Zugleich ist die militaristische Außenpolitik, auf die Putin im Umgang mit der Ukraine setzt, auch historisch bedingt. Sie ist, argumentiert der Schriftsteller Sergej Lebedew, Ausdruck einer sowjetischen Tradition des Autoritarismus, deren Aufarbeitung gezielt verhindert werden soll, wie zuletzt das Verbot der NGO »Memorial« gezeigt hat. Diese Tradition prägt auch die Frage des Machttransfers, für den in Russland lange Kasachstan als Vorbild galt, so der Politologe Ewgeniy Kasakow.

Von westlicher Seite wurden dagegen nach Ende des Kalten Krieges die Sicherheitsbedürfnisse Russlands zunehmend negiert und übergangen, so der Historiker Bernd Greiner.

März 2022

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (3.00€)
Digitalausgabe kaufen (11.00€)
Druckausgabe kaufen (11.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Putins Kriegswirtschaft: Propaganda und Realität

von Michael R. Krätke

Zu den ständig wiederholten Propagandalügen des russischen Regimes gehört die Behauptung, Russlands Wirtschaft werde von den Sanktionen des Westens kaum berührt. Viele glauben das, weil die Ankündigung, die Sanktionen würden Russland in kürzester Zeit in die Knie zwingen, nicht eingetroffen ist.

Politik als Gewinnspiel: Wetten auf Krieg und Frieden

von Sonja Peteranderl

Über Monate hinweg beobachteten US-Geheimdienste jede Bewegung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro. Am 3. Januar gab US-Präsident Donald Trump schließlich grünes Licht für die »Operation Absolute Resolve«.

Libanon: Letzte Hoffnung Trump?

von Kristian Brakel

Seit Anfang März tobt im Libanon die x-te Auflage des jahrzehntealten Konflikts zwischen Israel und der Hisbollah. Während die Weltöffentlichkeit gebannt verfolgt, wie Donald Trump die militärische Projektionskraft der USA am Golf verspielt, erregt der Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah weit weniger Aufmerksamkeit.