Ausgabe August 2026

Putins Geschäft mit der Verzweiflung

Russlands globales Rekrutierungsnetzwerk

Ein Freiwilliger der Organisation »Platsdarm« zeigt eine nigerianische Banknote, die ein toter afrikanischer Soldat bei sich trug, der an der Front in der Region Donezk in der Ukraine für Russland gekämpft hatte, 28.6.2026 (IMAGO / Anadolu Agency / Francisco Richart)

Bild: Ein Freiwilliger der Organisation »Platsdarm« zeigt eine nigerianische Banknote, die ein toter afrikanischer Soldat bei sich trug, der an der Front in der Region Donezk in der Ukraine für Russland gekämpft hatte, 28.6.2026 (IMAGO / Anadolu Agency / Francisco Richart)

In Russland könnte angesichts der schwierigen militärischen Lage in der Ukraine im Herbst eine Generalmobilmachung bevorstehen – ein Szenario, das Wladimir Putin bisher vermieden hat. Stattdessen setzte er vor allem auf hohe Anwerbeprämien – und den Einsatz tausender Menschen aus dem Globalen Süden. Das dazu geschaffene Rekrutierungsnetzwerk arbeitet vor allem mit der Perspektivlosigkeit der Angeworbenen.

Als Yoan Viondi Mendoza im Januar 2024 am Flughafen in Varadero, einer Halbinsel an der Nordküste Kubas, in eine Maschine nach Moskau steigt, ist es der Beginn seiner ersten und letzten Reise. Bis dahin hatte der 28-jährige Kubaner noch nie ein Flugzeug betreten. Ein Foto dokumentiert seine Ankunft in Russland. Es ist dunkel, ein wenig Schnee liegt auf den Straßen vor dem gläsernen Flughafengebäude. Davor wartet ein weißer Bus auf ihn. Yoan Viondi Mendoza überlebte 17 Monate in der russischen Armee. Im Januar 2026 veröffentlichte die ukrainische Initiative »Ich will leben«, die Soldaten der russischen Armee die Möglichkeit gibt, Kriegsgefangene zu werden und so zu überleben, eine Liste. 54 Namen gefallener Kubaner standen darauf, darunter auch Yoan Viondi Mendoza. Sein offizielles Todesdatum ist der 12. Mai 2025. In einer Mitteilung der Initiative heißt es: »Der kubanische Staatsbürger Yoan Viondi Mendoza fiel, wie so viele andere Menschen aus armen Ländern, auf die Versprechen der Russen herein, angelockt von hohem Gehalt und der Aussicht auf ein neues Leben.« 

Sein älterer Bruder, Michael Duro, lebt in Miami. Er wartet darauf, den Leichnam von Mendoza identifizieren und über den Atlantik transportieren zu dürfen. »Der Kreml behandelt diese Menschen wie Kanonenfutter«, sagt er im Interview. Auf Facebook kursieren Listen gefallener Kubaner. Ein Angehöriger eines 2024 in Cherson getöteten 21-jährigen Kubaners etwa schreibt darunter: »Lasst euch nicht von diesen Bestien täuschen. Es ist alles eine Lüge. Wegen ihnen ist heute eine Familie zerstört.« So wie ihm geht es auch Familien in Kenia, Nepal, Kamerun, Sri Lanka und im Irak. Anfang des Jahres versammelten sich Angehörige kenianischer Söldner auf den Straßen der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Sie hielten Fotos der Vermissten in die Höhe. »Kenianer und ihre Familien fordern Gerechtigkeit für ihre Söhne, die in das russische Militär rekrutiert wurden«, stand auf einem Banner. Zahlreiche Familien warten monatelang vergeblich auf eine Nachricht über den Verbleib ihrer rekrutierten Angehörigen. Selbst wenn der Tod bestätigt ist, wird ihnen die Rückführung des Leichnams in der Regel verwehrt.

Russland rekrutiert Kämpfer aus Ländern des Globalen Südens, um seine Streitkräfte aufzufüllen. Ende April gab der ukrainische Militärgeheimdienst bekannt, Moskau bereite sich darauf vor, noch in diesem Jahr mindestens 18 500 Ausländer für die russische Armee zu rekrutieren. Demnach wolle der Kreml insbesondere Bürger aus den zentralasiatischen Ländern ansprechen und außerdem seine Rekrutierungskampagne in Bangladesch, im Tschad, in Sudan und Burundi verstärken. 

Russische Streitkräfte und mit ihnen verbundene private Militärunternehmen haben in den vergangenen zwei Jahren monatlich etwa 30 000 bis 40 000 Vertragssoldaten in Russland rekrutiert, also etwa 1000 bis 1300 Personen pro Tag. Nur wird diese Rekrutierung teurer: Denn russische Regionen, die von Moskau Rekrutierungsziele erhalten, erhöhen im Falle von Bewerbermangel ihre Anmeldeprämien. Das wiederum führt zu einer zunehmenden Verschuldung der Regionen. Dennoch stehe ein Zusammenbruch nicht unmittelbar bevor, schreibt etwa Dmitry Kuznets, Redakteur beim unabhängigen russischen Exil-Medium »Meduza«. Demnach kürzten die Regionen ihre Ausgaben für andere Bereiche und erhielten außerdem zusätzliche Mittel aus dem Bundeshaushalt.

Das Outsourcing des Sterbens

Das Outsourcen des Sterbens in andere Länder bietet dem russischen Regime in dieser Situation die Möglichkeit, das politische Risiko zu Hause, wo die Anzahl der Sterbewilligen abnimmt, zu reduzieren. Eine erneute »Teilmobilmachung« im eigenen Land, so wie im Herbst 2022, möchte der Kreml möglichst vermeiden – auch wenn es aktuell danach aussieht, dass sich diese Strategie nicht mehr durchhalten lässt. Damals verließen hunderttausende Russen das Land. Der politische Preis einer Wiederholung wäre hoch und Putin möchte insbesondere verhindern, dass es zu Aufruhr in Metropolen wie Sankt Petersburg oder Moskau kommt. 

Um den Abnutzungskrieg gegen die Ukraine weiterführen zu können, ohne innere Unruhen zu riskieren, setzt er vor allem auf die wirtschaftliche Not junger Anwärter. Mit der raschen technologischen Weiterentwicklung des Krieges stellt sich allerdings die Frage, wie lange diese Taktik aufgeht. Die russischen Streitkräfte sind zunehmend auf motivierte und hochqualifizierte Fachkräfte angewiesen. Diese braucht es insbesondere für die Steuerung unbemannter Systeme, die dem Personalmangel in der Armee entgegenwirken sollen. Universitäten in ganz Russland sind inzwischen in eine großflächige Rekrutierungskampagne unter Studierenden eingebunden, gezielt angesprochen werden unter anderem Video-Gamer und E-Sportler, die ihre Kompetenzen als Drohnenpiloten einsetzen sollen.

Doch nach wie vor findet der Kreml seinen Pool potenzieller Armeeanwärter auch in den verletzlichsten aller Bevölkerungsgruppen: Inhaftierte, prekär Beschäftigte, undokumentierte Migranten – und weltweit junge Männer in aussichtslosen Situationen, die dringend Geld brauchen oder vom Versprechen einer russischen Staatsbürgerschaft angelockt werden. 2022, kurz nach Beginn der Vollinvasion in der Ukraine, bot Prigoschins Wagner-Gruppe russischen Gefängnisinsassen die Freiheit im Austausch für einen Einsatz an der Front an. Viele derer, die das Angebot annahmen, kamen als Kanonenfutter ums Leben. Längst hat Russland, angesichts der anhaltend hohen Verluste, seine Rekrutierungskampagne ausgeweitet. Seit 2024 ist etwa die Zwangsrekrutierung undokumentierter Migranten im Land weit verbreitet und gut belegt. Sie werden bei ihrer Festnahme vor die Wahl gestellt: entweder man schiebt sie in ihr Herkunftsland ab oder sie unterschreiben einen Vertrag zum Eintritt in die russische Armee. Auch afrikanische Bürger, die bereits ins Ausland migriert sind, versucht der Kreml anzusprechen – etwa wenn er gezielt afrikanische Gastarbeiter im Nahen Osten oder in den Golfstaaten umwirbt, die den dortigen niedrigen Löhnen entkommen wollen. Insbesondere im vergangenen Jahr wurden außerdem Berichte von Frauen aus Südafrika und anderen Teilen des Kontinents publik, die – ebenfalls unter falschen Versprechen – für die Arbeit in russischen Drohnenfabriken angeworben wurden.1 Einige nehmen ein klar formuliertes Angebot an, sie entscheiden sich für die russische Staatsbürgerschaft und Geld im Gegenzug für den Dienst in der Armee. Andere hoffen auf gut bezahlte Baustellenjobs oder Studienmöglichkeiten und enden schließlich ebenfalls an der Front.

Um den Krieg gegen die Ukraine weiterführen zu können, setzt Putin auf die wirtschaftliche Not junger Anwärter.

Zwischen Juni und September 2025 stieg die Zahl der Werbeposts des russischen Militärs auf VKontakte, dem größten sozialen Netzwerk in Russland, die sich an ausländische Staatsangehörige richteten, von 621 auf 4600. Mitte 2025 wandte sich damit ungefähr jeder dritte Vertragshinweis an Ausländer, verglichen mit nur sieben Prozent im Jahr 2024. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht der Internationalen Liga für Menschenrechte in Zusammenarbeit mit Truth Hounds und dem Kazakhstan International Bureau for Human Rights and Rule of Law (KIBHR) unterstreicht das.2 Darin heißt es, Russland habe bereits mindestens 27 000 ausländische Staatsbürger aus mehr als 130 Ländern für seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine rekrutiert. Alexis Deswaef, Präsident der Internationalen Liga für Menschenrechte, sagte dazu: »Viele dieser Männer wussten in gewisser Weise, worauf sie sich einlassen. Aber einige wurden auch getäuscht oder unter Druck gesetzt. In allen Fällen hat ein Staat sie als Teil seiner Kriegsmaschinerie instrumentalisiert und an die gefährlichsten Positionen an der Front geschickt.«3

Lockmittel Staatsbürgerschaft und ein Monatslohn bis zu 2300 Dollar 

Laut Experten setzt Russland in mehreren Bereichen die sogenannte Bait-and-switch-Taktik ein, insbesondere bei der Rekrutierung junger ausländischer Kämpfer für den Krieg gegen die Ukraine. Das Credo lautet: Attraktive Angebote und reizvolle Perspektiven sollen für Zustimmung sorgen. Die werden jedoch in einen gefährlichen Militärdienst umgewandelt, sobald die Betroffenen geködert wurden. »Das Geschäft mit der Verzweiflung«, nennt es ein Bericht von INPACT, einer europäischen Organisation, die sich dem Aufspüren verdeckter demokratiegefährdender Netzwerke widmet. 

Im Falle von Yoan Viondi Mendoza lief es folgendermaßen ab: Eine Frau namens Dayana Díaz, die laut Aussagen weiterer kubanischer Söldner eine Schlüsselrolle in der Rekrutierungskampagne auf der Karibikinsel spielt, machte ihm demnach per Chat ein lukratives Angebot. »Dies ist ein Vertrag mit dem russischen Militär, durch den du die russische Staatsbürgerschaft erhalten wirst.« Der Vertrag, den Viondi Mendoza schließlich kurz nach seiner Ankunft am 15. Januar 2024 in Moskau unterschrieb, sollte für ein Jahr gelten. Nach sechs Monaten sollte er bezahlten Urlaub bekommen. Das versprochene Monatsgehalt betrug etwa 2000 US-Dollar. Genug, um bald zu seinem Bruder nach Miami zu ziehen, so die Hoffnung.

Das Ausmaß der Rekrutierung in Kuba wäre ohne stillschweigende Zustimmung der kubanischen Behörden nicht möglich.

In einem Bericht von Karen Philippa Larsen, die am Danish Institute for International Studies zu Russlands hybridem Krieg und privaten Militärunternehmen forscht, heißt es: »In einer Welt, in der reguläre Migration in westliche Volkswirtschaften aus afrikanischen Ländern stark eingeschränkt ist, bietet Russland eine offene Tür für Arbeitsmigranten, die versuchen, ihr Leben und das ihrer Familien zu verändern.« In Kuba hatte Viondi Mendoza sich durchgeschlagen, besaß laut Aussagen seines Bruders keinen Schulabschluss. Sein Traum sei es gewesen, irgendwann einen eigenen Friseursalon zu eröffnen. Kurz nach seiner Ankunft in Moskau habe man den jungen Mann in ein militärisches Trainingslager mit Dutzenden Männern aus allen möglichen Ländern gebracht. Eine einwöchige Ausbildung sollte ihn auf die Front vorbereiten. 

Die humanitäre Situation in Kuba verschärft sich seit langem, zuletzt vor dem Hintergrund der von US-Präsident Donald Trump verhängten Ölblockade.4 Laut dem Kubanischen Beobachtungszentrum für Menschenrechte leben heute neun von zehn kubanischen Familien in extremer Armut, das Durchschnittsgehalt beträgt etwa 15 US-Dollar pro Monat. Seit den Protesten von 2021 gegen die wirtschaftliche Krise hat jeder zehnte Kubaner die Insel verlassen.5 Als der Kontakt zu seinem jüngeren Bruder abbrach und kein Lebenszeichen mehr von Viondi Mendoza kam, wandte sich Michael Duro an zahlreiche russische Behörden, schrieb sogar einen Brief an Wladimir Putin. Auf Anfrage schreibt Javier Larrondo Calafat von der Menschenrechtsorganisation Prison Defenders mit Sitz in Madrid, dass bis zu 10 000 kubanische Söldner aufseiten der russischen Armee vermutet werden. Das US-Außenministerium beziffert die Anzahl auf bis zu 5000. »Über ein von der kubanischen Regierung unterstütztes Menschenhandelsnetz reisten die Söldner nach Russland«, schreibt Calafat. »2023 wurde ein neuer täglicher Flug von Varadero nach Moskau eingerichtet, genau zu dem Zeitpunkt, als die Rekrutierung kubanischer Söldner begann.« Seine Organisation hat zahlreiche Pässe kubanischer Söldner und Militärangehöriger gesammelt. Demnach seien kubanische Söldner über die neue Flugroute nach Moskau gelangt – wie auch Viondi Mendoza. Andere hätten Einreisestempel aus Belarus, einem engen Verbündeten des Kremls, in ihrem Pass gehabt. In diesen Fällen handle es sich um kubanische Spezialkräfte, die durch das kubanische Innenministerium oder die Streitkräfte nach Russland geschickt wurden.

2023 gab das kubanische Außenministerium bekannt, man arbeite daran, das Menschenhandelsnetzwerk, das Kubaner als Söldner für Russlands Krieg rekrutiert, »zu zerschlagen«. Die Regierung in Havanna bestreitet jegliche Beteiligung am Krieg gegen die Ukraine. Experten sagen jedoch, dass das Ausmaß der Rekrutierung ohne stillschweigende Zustimmung der kubanischen Behörden nicht möglich wäre.

Die globale Rekrutierungsmaschinerie des Kremls folgt einem spezifischen Playbook. Demnach locken unregulierte Vermittler – so wie Dayana Díaz in Kuba – und augenscheinlich seriöse Arbeitsfirmen die Betroffenen mit lukrativen Jobangeboten. Der versprochene Monatslohn beträgt nicht selten bis zu 2300 US-Dollar. Nach der Ankunft in Russland erfolgt oft die Konfrontation mit der harschen Realität. Flughafenbeamte oder Organisatoren vor Ort nehmen den Neuankömmlingen ihre Pässe ab. Den Rekruten wird schließlich das Militärvertragsformular vorgelegt. Sie müssen unterschreiben, in der Regel ohne Übersetzungsmöglichkeit und unter massivem psychischem Druck.

Afrika im Fokus russischer Rekrutierung

International sorgte kürzlich insbesondere die wachsende Zahl afrikanischer Männer in der russischen Armee für Aufruhr. In einem kenianischen Geheimdienstbericht vom 19. Februar heißt es, mindestens 1000 kenianische Staatsbürger seien für den Kampf gegen die Ukraine angeworben worden. Demnach arbeiteten Behörden in Nairobi daran, hunderte Rekrutierungsagenturen ausfindig zu machen und zu schließen. Auch Regierungsvertreter aus Südafrika haben inzwischen Gespräche mit russischen Stellen aufgenommen und hoffen auf die Rückführung ihrer Staatsbürger. 

Das African Digital Democracy Observatory (ADDO) erklärte, freiberufliche Vermittler aus der afrikanischen Diaspora in Moskau arbeiteten mit lokalen Reiseagenturen zusammen, die wiederum vom Afrikakorps, einer Truppe, die direkt dem russischen Verteidigungsministerium untersteht, unterstützt werde. Von russischen Botschaften geförderte Interessengruppen seien außerdem daran beteiligt, junge, ausreisewillige Männer heimlich zu rekrutieren und zu transportieren.

Ein viral gegangenes Video zeigt afrikanische Kämpfer an der Front. Einer von ihnen hat eine Landmine um die Brust gebunden. Er wird unter vorgehaltener Waffe dazu gezwungen, ukrainische Positionen zu stürmen. Ein »Dosenöffner« sei das, erklärt die filmende Person. Das heißt: Er soll sich selbst in die Luft sprengen, damit die russischen Truppen vorrücken können. Die Echtheit der Aufnahmen wurde nicht überprüft, veröffentlicht wurde das Video von einem ehemaligen ukrainischen Minister. Fest steht aber: Die russische Armee nutzt sogenannte Fleischangriffe, also Wellen hochriskanter Frontalangriffe auf ukrainische Stellungen mit hohen Verlusten. Dabei rücken schlecht ausgebildete Kämpfer in Wellen vor, werden dabei zu einem großen Teil durch die ukrainischen Verteidiger niedergemäht. Besser ausgebildete russische Soldaten folgen, die Frontlinie rückt weiter nach vorne. Auch hier helfen ausländische Rekruten dem Kreml bei einer für ihn lohnenswerten Rechnung: Tote Kämpfer aus dem Ausland haben in der Regel keine Angehörigen im Land, die um sie trauern und Druck machen hinsichtlich der Kompensationszahlungen für Hinterbliebene. 

Die Realität an der Front steht dabei in einem scharfen Kontrast zu dem Bild, das Influencer in Nigeria, Kamerun, Kenia und der Demokratischen Republik Kongo in den Sozialen Medien vermitteln. Sie spielen eine zentrale Rolle bei der Beeinflussung der öffentlichen Meinung über Russland auf dem afrikanischen Kontinent, zeigen sich in russischer Pelzkleidung, mit Goldschmuck und auf den Rücksitzen von Luxusautos. In Onlinekampagnen werden auch ausländische Rekruten als ideologisch überzeugte Kämpfer für den Kreml dargestellt. Beiträge zeigen, wie sie die russische Staatsbürgerschaft erhalten – nachdem sie sich vermeintlich in »die Kultur und Traditionen Russlands verliebt« und sich daraufhin freiwillig für die Front gemeldet hätten. Russland weiß, welches Bild es insbesondere in Afrika vermitteln muss, um dort gut anzukommen – und weitet seinen dortigen Informationskrieg seit 2022 stetig aus, bindet dafür Content-Creators und Journalisten ein. Laut einem 2024 veröffentlichten Bericht des Africa Center for Strategic Studies, einem Thinktank des US-Militärs, ist Russland inzwischen der wichtigste Akteur hinter staatlich unterstützten Informationskampagnen in Afrika. 

Russland weiß, welches Bild es insbesondere in Afrika vermitteln muss, um dort gut anzukommen.

Sich selbst präsentiert der Kreml in afrikanischen Ländern als »antikolonialer« Partner – und trifft mit diesem Narrativ auf eine Öffentlichkeit, die zunehmend desillusioniert ist von einem Europa, das sich immer stärker gegen Migration abschottet. Russland greift antiwestliche Stimmungen dankbar auf und befeuert sie weiter. Wir, so die Erzählung, bieten eine Alternative: Visa über nur einen Mausklick, ein Entkommen aus dem Prekariat, Arbeit. Propagandistische Erzählungen und Täter-Opfer-Umkehr, die der Ukraine die Schuld am russischen Angriffskrieg zuschieben, treffen deshalb nicht selten auf einen fruchtbaren Boden. In Videos glorifizieren afrikanische Rekruten die Realität in der russischen Armee und schwärmen von hohen Gehältern. Sie, so das Versprechen, könnten die Familie im Heimatland über Jahre ernähren.

Experten verweisen zwar darauf, dass gut getarnte, globale Rekrutierungsnetzwerke und ihre ideologischen Handlanger im digitalen Raum ausfindig gemacht werden müssen. Nur sind Russlands Rekrutierungskampagnen nicht der wichtigste Migrationstreiber. Es ist vor allem der Mangel an Alternativen, der das Prekariat des Globalen Südens in die Fänge des Kremls lockt. Nur wenige dokumentierte Fälle zeugen von einer ideologischen Motivation, für den Kreml zu kämpfen. Viele ausländische Kämpfer, die in ukrainische Kriegsgefangenschaft gelangten und zu ihren Motivationen interviewt wurden, geben als zentralen Antrieb den erhofften Erhalt der russischen Staatsbürgerschaft an. Daneben sind ein gesichertes Einkommen und die Möglichkeit, das perspektivlose Heimatland zu verlassen, wichtige Gründe. Auch Yoan Viondi Mendoza sah in dem One-Way-Ticket nach Moskau möglicherweise die Chance seines Lebens. 

2 Combatants, Mercenaries or Victims of Human Trafficking? Russia’s Exploitation of Foreign Fighters in Its War Against Ukraine, fidh.org, April 2026.

3 Russia’s war against Ukraine: Thousands of foreign nationals recruited by Russia in violation of international law, fidh.org, 29.4.2026.

4 Vgl. auch den Beitrag von Sandra Weiss in dieser Ausgabe.

5 Vgl. Observatorio Cubano de Derechos Humanos, 8th Study on Social Rights: 89% of Cubans live in extreme poverty, and 78% plan to emigrate, observacuba.org, 9.9.2025.

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