Ausgabe Februar 2023

Schweiz: Volkssouveränität statt Verfassungsgericht

Ja- und Nein-Plakate zu einem Volksentscheid, Zürich, 23.1.2022 (IMAGO / Geisser)

Bild: Ja- und Nein-Plakate zu einem Volksentscheid, Zürich, 23.1.2022 (IMAGO / Geisser)

Das politische System der Schweiz ist reich an besonderen Merkmalen. Recht bekannt sind Volksentscheide per Referendum und Initiative[1]; die siebenköpfige, Bundesrat genannte Landesregierung, in der die vier wählerstärksten Parteien vertreten sind; und eine Bundespräsidentin oder ein Bundespräsident als Prima/Primus inter Pares, die oder der vom Parlament aus dem Kreis der Bundesratsmitglieder für die Dauer eines Jahres gewählt wird. Doch es gibt ein weiteres, weit weniger bekanntes und gleichwohl bemerkenswertes Charakteristikum: das Fehlen einer Verfassungsgerichtsbarkeit.

In der Schweizerischen Bundesverfassung (BV) heißt es im Artikel 190: „Bundesgesetze und Völkerrecht sind für das Bundesgericht und die anderen rechtsanwendenden Behörden maßgebend.“[2] Diese Bestimmung geht bereits auf die Revision der Bundesverfassung im Jahr 1874 zurück und hat erhebliche Konsequenzen: Bundesgesetze müssen auch dann angewendet werden, wenn sie verfassungswidrig sind.[3]

Verschiedene Akteure haben immer wieder versucht, die Verfassungsgerichtsbarkeit auf Bundesgesetze auszudehnen: Parlamentsmitglieder, aber auch Regierungsvertreter von Kantonen, die eine Kontrolle derjenigen Bundesgesetze forderten, die mutmaßlich die verfassungsmäßigen Kompetenzen der Kantone verletzen.

»Blätter«-Ausgabe 2/2023

Sie haben etwa 7% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 93% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (11.00€)
Druckausgabe kaufen (11.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juli 2026

In der Juli-Ausgabe zeigt Jan Niklas Reiche auf, was die demokratischen Parteien bis zur Wahl in Sachsen-Anhalt noch tun müssen, um eine Machtübernahme der AfD zu verhindern. Thomas Assheuer seziert die essayistischen Elaborate von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und legt offen, worum es ihm im Kern geht: um deutsche Kunst im Dienst eines dezidiert antiliberalen Christentums. Klaus Lederer beschreibt, wie eine autoritäre Internationale gegen queere Menschen und die von ihnen erkämpften Rechte mobil macht. Jan Schlemermeyer plädiert für eine antifaschistische Sicherheitspolitik, die Demokratie als Kernanliegen begreift. Winfried Thaa erinnert an das Gründungsereignis der neuzeitlichen Demokratie – die Amerikanische Revolution und Verfassungsgebung vor 250 Jahren –, die heute durch Donald Trump ausgerechnet am Ort ihrer Entstehung zerstört zu werden droht. Stefan Messingschlager erläutert, was die bilaterale Stabilisierung zwischen Trump und Xi Jinping für Europa bedeutet. Paul Starzmann ergründet, wie weit Wladimir Putins Einfluss in Afrika tatsächlich reicht. Und Friederike Otto erklärt mit Jürgen Habermas, warum die Demokratie zur Bekämpfung der Klimakrise unabdingbar ist. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema