Ausgabe Mai 2026

Das »Recht des Stärkeren«

Wie sich kritische Analyse in Affirmation verwandelt

Kriegsschäden in Odesa, 27.4.2026 (IMAGO / Avalon.red)

Bild: Kriegsschäden in Odesa, 27.4.2026 (IMAGO / Avalon.red)

Der jüngste Irankrieg stellt in erster Linie die Steigerung einer bereits lange vorhandenen Entwicklung dar, nämlich mit Hilfe des Ausnahmezustands neue Verhältnisse jenseits des Rechts zu schaffen. Dabei wird die Macht des Stärkeren nicht erst in der Politik, sondern bereits in der Sprache zu einem vermeintlichen Recht deklariert und damit das Völkerrecht immer mehr untergraben.

Putin, Trump, Netanjahu – Ukraine, Venezuela, Iran: Überall erleben wir den Versuch, die Stärke des Rechts durch das sogenannte Recht des Stärkeren zu ersetzen. Putin beansprucht ein solches vermeintliches Recht gegenüber der Ukraine, Trump sogar noch weit wahlloser gegenüber Venezuela, Iran, Kuba und Grönland.

Aber ein Recht des Stärkeren gibt es nicht. Was damit bezeichnet wird, ist nichts anderes als illegitime Machtausübung. Was dagegen tatsächlich existiert, ist das Recht auf Souveränität und territoriale Integrität. Dieses Recht ist in der UN-Charta 1945 kodifiziert und von allen Staaten anerkannt worden, die den Vereinten Nationen angehören. Ein Recht des Stärkeren hingegen existiert weder in irgendeinem Rechtsakt noch in einem Gesetz oder in einem völkerrechtlichen Kontext; es ist in keiner Weise verbindlich. Und die allerwenigsten Akteure – am wenigsten die unmittelbar Betroffenen – erkennen ein solches »Recht« an.

»Blätter«-Ausgabe 5/2026

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (3.00€)
Digitalausgabe kaufen (12.00€)
Druckausgabe kaufen (12.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Krieg im Kongo: Trump und der gordische Knoten

von Simone Schlindwein

Heute gelingt uns das, woran so viele andere gescheitert sind«, prahlte Donald Trump im Dezember 2025, als Kongos Präsident Felix Tshisekedi und dessen ruandischer Amtskollege Paul Kagame zur Unterzeichnung eines Friedensvertrages im Weißen Haus eintrafen.