Einem polnischen Kommentator wird der Satz zugesprochen: "Die Teilung Europas ist keineswegs aufgehoben, nur die Grenze wurde verschoben - von der Elbe und Werra zur Oder und Neiße." In der Tat scheint die Oder-Neiße-Grenze mehr als nur die endlich anerkannte polnische West- und deutsche Ostgrenze zu sein, sie scheidet vielmehr die im Wohlstand lebenden (West)Europäer von ihren der Armut preisgegebenen Geschwistern im Osten und Südosten des Kontinents (die Sowjetunion eingeschlossen). Dabei wird unterstellt, daß die volle Teilhabe der ehemaligen DDR-Deutschen am westlichen Reichtum nur noch eine Frage der Zeit sei. Die mit dem Fall der ideologischen Grenze verbundene Annahme, daß die NATO oder der Westen oder das marktwirtschaftliche System insgesamt den Kalten Krieg gewonnen hätten, ohne daß ein einziger Schuß gefallen sei, ist freilich unbegründet. Die Ursachen für den Zusammenbruch der Sowjetunion und der von ihr viereinhalb Jahrzehnte gegängelten Staaten sind vielfältig. Sie liegen in einer zum Dogma erhobenen Planwirtschaft, in der Unfähigkeit der kommunistischen Eliten, damit zum Wohl der Bevölkerung umzugehen, in der Unregierbarkeit des russischen Imperiums (ganz gleich von wem es verwaltet wird), im gewaltfreien Aufstand unterdrückter Bürgerinnen und Bürger und schließlich im Konsumverlangen der Bevölkerung.
In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert.