Einem polnischen Kommentator wird der Satz zugesprochen: "Die Teilung Europas ist keineswegs aufgehoben, nur die Grenze wurde verschoben - von der Elbe und Werra zur Oder und Neiße." In der Tat scheint die Oder-Neiße-Grenze mehr als nur die endlich anerkannte polnische West- und deutsche Ostgrenze zu sein, sie scheidet vielmehr die im Wohlstand lebenden (West)Europäer von ihren der Armut preisgegebenen Geschwistern im Osten und Südosten des Kontinents (die Sowjetunion eingeschlossen). Dabei wird unterstellt, daß die volle Teilhabe der ehemaligen DDR-Deutschen am westlichen Reichtum nur noch eine Frage der Zeit sei. Die mit dem Fall der ideologischen Grenze verbundene Annahme, daß die NATO oder der Westen oder das marktwirtschaftliche System insgesamt den Kalten Krieg gewonnen hätten, ohne daß ein einziger Schuß gefallen sei, ist freilich unbegründet. Die Ursachen für den Zusammenbruch der Sowjetunion und der von ihr viereinhalb Jahrzehnte gegängelten Staaten sind vielfältig. Sie liegen in einer zum Dogma erhobenen Planwirtschaft, in der Unfähigkeit der kommunistischen Eliten, damit zum Wohl der Bevölkerung umzugehen, in der Unregierbarkeit des russischen Imperiums (ganz gleich von wem es verwaltet wird), im gewaltfreien Aufstand unterdrückter Bürgerinnen und Bürger und schließlich im Konsumverlangen der Bevölkerung.
Alle paar Jahrzehnte erlebt Europa einen Moment, an dem seine politischen Strukturen nicht mehr in die Zeit passen. Diese Momente haben die EU zu dem gemacht, was sie heute ist.