Ausgabe März 1994

Unheilige Allianzen

Frontverläufe im algerischen Bürgerkrieg

Die gegenwärtige Krise in Algerien ist komplexer als es die meisten, auf tagespolitische Sensation zielenden Medien zu vermitteln vermögen. Das nordafrikanische Land erlebt nicht allein den Konflikt zwischen einer anscheinend stark vom Volk unterstützten islamistischen Strömung und den sich hinter einem Militärregime verschanzenden Resten des alten Einparteiensystems. Die eigentliche Brisanz der Situation wird nur verständlich, wenn der Blick darauf gelenkt wird, daß die bis 1988 allein herrschende Front de Libération Nationale (FLN) und die 1989 als Islamische Heilsfront (FIS) legalisierte islamistische Strömung in den 70er und beginnenden 80er Jahren lange Zeit gegen die immer stärker werdenden Demokratiebewegungen kooperiert hatten, ein Prozeß, bei dem sich die islamistische Strömung innerhalb der FLN gegenüber der modernistischen zunehmend stärker profilierte. Aus diesem Grunde wurde die FIS auch "FI(L)S de l'FLN " genannt - der "Sohn der FLN". Die algerische Situation ist deutlich als Krise einer unvollendeten Modernisierung der Gesellschaft identifizierbar. Sie erscheint aber vor allem deshalb als unlösbares Dilemma, weil sie sich vor dem Hintergrund einer Wirtschaftskrise entwickelt hat aus der sich bislang kein Ausweg andeutet. Der einzig denkbare Neuanfang wäre die Entschuldung des Landes, das zur Zeit von den 11 Mrd.

März 1994

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema