Ausgabe Juli 1995

Vor dem Umbruch des Parteiensystems?

Die nachholende Modernisierung der Wähler und die Strategien der Parteien

Wählen ist etwas für clevere Leute geworden. Früher wählte man eine Partei. Oft "wählte" man diese noch nicht einmal, sondern wiederholte die Stimmabgabe für "seine" Partei von Wahl zu Wahl. Das entsprach dem Ideal des Stammwählers zu den Zeiten, als auch die Geschäfte noch ihre Stammkunden hatten. Wechselwähler galten als Treibsand, auf den sich weder Reaktion noch Reform aufbauen ließ. Inzwischen haben die Wähler zu wählen begonnen. Sie wählen zum Beispiel eine Koalition statt einer Partei; sind mit der SPD identifiziert, wählen Bündnisgrüne, um Rot-Grün zu erreichen. Oder sie wählen zwei Parteien; CDU mit der Erst-, FDP mit der Zweitstimme. Auch eine Wahlentscheidung ist es, zu Hause zu bleiben und damit gegen "seine" Partei zu wählen. Oder man geht nicht hin, weil man diesmal gegen alle Parteien ist.

Reflexives Wählen heißt, die Situation, das Angebot und die zu erwartenden Folgen beim Ausdruck der eigenen Präferenz zu berücksichtigen. Das bedeutet auch, daß das Ergebnis der Abwägungsprozesse nicht jedesmal gleich sein kann. Mindestens die Gesichtspunkte der Abwägung wechseln, damit wird das Ergebnis jeweils offen. Die Wahl wird erst so zu einem komplexen Entscheidungsvorgang, bei dem die Kontexte auf die Neigungen rückbezogen werden.

Juli 1995

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Holger Friedrich und die OAZ: Wie ein Verleger Demokratiefeinde hofiert

von Matthias Meisner

Auf dem deutschen Medienmarkt gibt es seit Ende Februar eine neue Zeitung. Das ist angesichts der andauernden Krise der Printmedien bemerkenswert. Doch über die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« gibt es noch weit mehr zu sagen.