Ausgabe November 1995

Dauerschreikrampf

Schlafes Bruder, ein Film von Josef Vilsmaier. Es könnte ein Plot von Anzengruber oder Luis Trenker sein: Ein Kind wird geboren, und früh deutet sich sein musikalisches Genie an. Kaum erwachsen, repariert er die Orgel in der Dorfkirche und präsentiert sich eines Heiligen Abends als virtuoser Improvisator, der das alte Instrument zur Stimme seiner Not macht. Der Kontrast zwischen diesem Künstlerhelden und seiner sozialen Umgebung könnte nicht größer sein. Die Dorfgemeinschaft lebt im inzestuösen Stumpfsinn, der Pfarrer ist debil und kriegt seine Messetexte nicht mehr auf die Reihe, der autoritär-zynische Lehrer kapituliert und hängt sich auf. Elias wächst heran und dann gibt es da Elsbeth, ein schönes Mädchen mit intelligenten Augen, das ihn hebt und philosophische Sätze spricht: "Wenn man mit dir zusammen ist, dann weiß man, daß man allein ist".

Ihr Bruder bedrängt ihn mit homosexuell gefärbter Verehrung und zündet, als er zurückgewiesen wird, das Dorf an. Elias rettet zwar Elsbeth aus den Flammen, aber abgeschreckt von seiner unerbittlichen Berufung zum Höheren verläßt sie mit einem Bauernburschen ihn und die zerstörte Heimat.

November 1995

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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