Ausgabe Mai 1996

Gleichnis vom Outcast

Martin Scorseses Karriere als Filmemacher war über zwanzig Jahre lang durch eine bemerkenswert konsistente Reihe leidenschaftlicher, engagierter und realistischer Filme gekennzeichnet. Er wurde geboren und wuchs auf in New York, und diese Stadt ist auch der Schauplatz und das Thema seiner wichtigsten Filme. Seine Heimat, das italienische Viertel von Manhattan, führte er immer wieder als den sozialen Boden vor, auf dem Gangstertum und Gewalt wie natürlich wachsen. Seine Weltsicht war vom Katholizismus ebenso geprägt wie von humanem Gerechtigkeitssinn sowie einer naturalistischen Milieutheorie, die ihn immer wieder dazu veranlaßte, die Täter als Opfer und in der Gewalt den Ausbruch sozialer Verwerfungen zu sehen.

Zum Inbegriff dieser Indizien-Charaktere wurden die Figuren, die der auch aus Little Italy stammende Schauspieler Robert de Niro verkörperte. Je mehr er als Johnny Boy in Mean Streets (1973) in die Geheimnisse der Unterwelt eindringt, um so weniger gelingt es ihm, in ihr zu überleben. In dem Maß, wie er als Travis Bickle, der Taxi Driver (1976), glaubt, gegen die Kälte und Herzlosigkeit seiner Umwelt angehen zu müssen und zu können, verwandelt er sich in einen Skinhead, der schließlich Amok läuft und die dollargeile Stadt blutrünstig aufmischt.

Mai 1996

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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