Ausgabe Januar 1997

Rußland schlecht beraten

Die Zukunft Rußlands ist für die Zukunft aller anderen ein wichtiger Faktor - unglücklicherweise. Unglücklicherweise, weil die Zukunft Rußlands, jedenfalls die nahe, nicht eben vielversprechend aussieht.

Nun ist das keine Sache, die der Westen wesentlich beeinflussen könnte, ausgenommen negativ. "Bitte hören Sie auf, Rußland schlechte Ratschläge zu geben." Das war eine der Bitten von Georgi Arbatow, lange Zeit Direktor des USA- und Kanada-Instituts der Russsischen Akademie der Wissenschaften, auf einer vom italienischen Radio und Fernsehen gesponsorten Konferenz in Venedig zur Zukunft Europas. Arbatow zitierte Jeffrey Sachs, Wirtschaftswissenschaftler aus Harvard, einen der bekanntesten frühen westlichen Ratgeber für das postkommunistische Rußland. Sachs habe sich wie ein Chirurg gefühlt, der den Patienten aufschnitt, um dann festzustellen, daß drin nichts von dem war, was dort eigentlich erwarten werden durfte.

Das läßt vermuten, daß der Arzt nicht nur mit seiner Diagnose danebenlag, sondern auch noch den Patienten verwechselt hatte. Heute sind die Leute in Rußland antiamerikanisch (und ebenso gegen die NATO eingestellt), ein Resultat der Entwicklung in den letzten sechs Jahren. 1989/90 dagegen waren sie in puncto USA und Westen geradezu enthusiastisch.

Januar 1997

Sie haben etwa 19% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 81% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Erfahrung der Freiheit: Die Kinder von Tschernobyl

von Olga Bubich

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen.