Wer hätte das im Oktober 1990 zu prophezeien gewagt? Keine elf Jahre nach der Wiedervereinigung spricht vieles dafür, daß die PDS an der nächsten Berliner Landesregierung beteiligt sein wird. Die "Frontstadt Berlin" ist damit endgültig passé. Dabei konnte man es schon nicht mehr hören: Das hohle Lied vom Ende des alten West-Berlin. Gar zu lange zog sich dieses Dahinscheiden hin. Noch nach jeder neuen Degradierung Klaus Landowskys, vom Bankvorsitzenden zum Nur-Noch-Fraktionsvorsitzenden zum Nur-Noch-Parteivize, wurde der Abschiedssong halb wehmütig-nostalgisch, halb keck-triumphierend intoniert. Was zunächst wie eine typische Berliner Provinzposse aus dem Geist des Kalten Krieges erschien, die nur vor dem Hintergrund einer jahrzehntelang subventionierten Berliner Klüngelwirtschaft gedeihen konnte, weitete sich zum größten Banken- und Regierungsskandal aus. Und mit der Aufkündigung der großen Koalition und dem Ende der Ara Landowsky/Diepgen ist es jetzt tatsächlich regierungsamtlich: So wie Berlin während der vergangenen fast 20 Jahre regiert wurde, wird es nicht wieder sein. 16 Jahre Diepgen, nur kurz unterbrochen durch die rot-grüne Momper-Episode, gehören mit der Wahl des rot-grünen Übergangssenats unwiderruflich der Vergangenheit an.
In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert.