Ausgabe November 2001

Brief aus Amerika

12. Oktober 2001. Richard Lugar, der kluge Senator aus Indiana, versteht eine Menge von Außenpolitik. Heute sieht man, warum seine Partei (die Republikaner) ihn im vergangenen Jahr trotzdem nicht zu ihrem Präsidentschaftskandidaten erkor. Um eine Stellungnahme zu Washingtons gestrigen Warnungen vor einem unmittelbar bevorstehenden Terroristen-Angriff gebeten, bemerkte er, er sehe nicht, was daran neu sei: Diese Warnung habe die Regierung während der letzten Wochen fünfmal ausgesprochen.

Es stimmt, daß die Gefahr ausländischer Angriffe auf die eigenen Städte unsere Öffentlichkeit gänzlich unvorbereitet trifft. Tugenden, die man den Yankees früher zuschrieb – Common Sense, Skepsis, wenn nicht Mißtrauen gegenüber Autoritäten, die Überzeugung, die Zukunft meistern zu können – scheinen allerdings in den Untergrund gedrängt zu sein. Unbestimmte, aber alles durchdringende Angst, ein verzweifeltes, nein, obsessives Pochen auf nationale Solidarität und eine fast totale Bereitschaft, amtlichen Anweisungen Folge zu leisten, prägen die Geistesverfassung der Nation.

Die Medien, ignorant, flach und unkritisch, tragen beträchtliche Mitverantwortung für die offenkundigsten Mängel, unter denen die Funktionstüchtigkeit der amerikanischen Demokratie heute leidet.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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