Ausgabe Mai 2002

Berlusconitis

Indro Montanelli war ein weiser Mann. Er konnte auf ein äußerst bewegtes Leben im Dienste des Journalismus zurückblicken: geboren in der liberalen Giolitti-Ära, Erster Weltkrieg, groß geworden mit den Schwarzhemden Mussolinis, Zweiter Weltkrieg, demokratischer Neuanfang, Systemwechsel von der Monarchie zur Republik, 68er Revolten, die "bleiernen Jahre" 1) des Links- und Rechtsterrorismus, die "Jahre des Schlamms" 2), in dem sich die Parteien suhlten, die Tangentopoli-Krise des "Schmiergeldstaats" und der vermeintliche Aufbruch in die zweite italienische Republik. Viele sahen in dem hoch gewachsenen und spindeldürren Alten Italiens letzte Stimme des Gewissens, die mit seinem Tod vor knapp einem Jahr verstummte. Er war der Nestor des italienischen Journalismus schlechthin, ein Intellektueller, versteht sich, beileibe aber kein Linker. Zu guter Letzt hat er sich noch mal als Arzt versucht. Seine Diagnose lautete: "Berlusconitis".

An dieser heimtückischen Krankheit leide sein Land, und nur ein einziger Impfstoff verspreche Heilung: eine Überdosis Berlusconi! Ob Krankheit, Anomalie oder Faktor B - wie immer man das Phänomen Berlusconi auch nennen mag: Italien ist schon fast daran gewöhnt, aus dem Raster westlicher Demokratien zu fallen.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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