Ausgabe Oktober 2002

Das Comeback der alten Dame

Leni Riefenstahl, die am 22. August ihren 100. Geburtstag feierte, sitzt seit Kriegsende als aktive Propagandistin Hitlers immer wieder auf der Anklagebank. Trotzdem ist sie inzwischen schon so etwas wie eine lebende Legende geworden. Ihre ungebrochene Vitalität (immer habe sie "bis zum Umfallen" gearbeitet; und nun gilt sie als älteste Taucherin der Welt) und die Hartnäckigkeit, mit der sie sich aus den Schatten ihrer Vergangenheit zu befreien, immer wieder selbst zu "entnazifizieren" versucht, haben zu ihrem erstaunlich positiven Bild beigetragen.

Anlässlich von Geburtstagen tritt die "umstrittene" Künstlerin regelmäßig wieder in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. In diesem Jahr gibt es sogar einen neuen Riefenstahl-Film; ihre Memoiren sollen demnächst in den USA von Jody Foster verfilmt werden. Hinter dem "Problem" Riefenstahl steht ein von ihrer Person unabhängiges Dilemma, ein politisch-ästhetischer Dissens, den sie immer wieder auszunutzen weiß einerseits, indem sie sich als unschuldig Verfolgte hinzustellen versucht, und andererseits, indem sie durch eine periodisch wiederkehrende "neuerliche Verdrehung" der öffentlichen Meinung Unterstützung findet, im Fahrwasser eines keineswegs neuen Trends zur "Nostalgie" oder einer "Mode nach hinten" (so Francis Courtade am 19.8.2002 im NDR).

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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