Ausgabe August 2003

Die europäische Gefahr

Ezra Suleiman von der Princeton University, der auch in Paris lehrt und ausgezeichnete Arbeiten über die französische Gesellschaft verfasst hat, deutete kürzlich in einem Zeitungsartikel an, die französische Haltung in Sachen Irak sei eine Kreation Jacques Chiracs und seines Außenministers, einer Laune des Präsidenten entsprungen. Frankreich ist, Suleiman zufolge, "schrecklich vom rechten Weg abgekommen", als es sich "seinem wichtigsten Verbündeten widersetzte", ein aus Washingtoner Sicht ganz einfach "unzulässiger" Akt. Kein Wort darüber, welche Rolle Prinzipien und Werte bei der Kontroverse spielten.

Frankreich findet in den Vereinigten Staaten nur wenige Verteidiger. Die verbreitete Annahme ist, Paris handele ausnahmslos aus unehrenhaften Motiven, während Amerika versuche, Gutes zu tun. Wie Suleiman zeigt, wird selbst in seriösen Kreisen kaum anerkannt, dass der Streit um den Irakkrieg durch unterschiedliche politische Prinzipien und Weltbilder verursacht wurde und dass die Regierungen Frankreichs und Deutschlands in fast ganz Europa die überwältigende Unterstützung der öffentlichen Meinung fanden.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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