Richard Sennett, dessen soziologisches Werk wir heute mit dem Hegel-Preis ehren, könnte in der Tat am Tage des Jüngsten Gerichts zu Tränen der Scham gerührt vor Gott stehen, wenn dieser die Musik erklingen ließe, die er, Sennett, gewiss komponiert und zelebriert hätte, hätte sein Leben nicht eine andere, nämlich die soziologische Wendung genommen. Denn Richard Sennett ist sehr vieles, aber eines gewiss nicht: ein Nur-Soziologe. Und gerade das macht ihn zum Soziologen. Diese Brechung des Blicks, dieses musische Bewusstsein, ja das Musikalische seiner Sprache und seines Denkens wecken Neid und Hass bei den Nur-Soziologen und machen Sennett zu einem der wenigen öffentlichen Denker des Sozialen weltweit. Was diese wenigen miteinander gemein haben, ist – um es in den Worten von Martin Heidegger zu sagen –, dass sie „zwischen einem gelehrten Gegenstand und einer gedachten Sache“ unterscheiden können, und dass ihnen der gelehrte Gegenstand ziemlich gleichgültig ist. Gerade in Zeiten fundamental diskontinuierlicher Erfahrungen, wie den unseren, wird das sich der akademischen Disziplin Fügen leicht zu einem intellektuellen Verrat, weil es ganz aufregend erneut um das Denken des plötzlich wieder fremd und unbekannt gewordenen Sozialen geht.
In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.