Geht es Indien heute erstaunlich gut oder ist dieses Land dabei, auf der ganzen Linie zu scheitern? Welche Antwort man auf diese Frage bekommt, hängt ganz davon ab, mit wem man spricht. Bei einer – allerdings ziemlich großen – Minderheit, nämlich bei Indern, denen es sehr gut geht (und in den vor allem für diese Leute bestimmten Medien), ist eine Erzählung sehr beliebt, die ungefähr so klingt: „Nach jahrzehntelanger Mittelmäßigkeit und Stagnation unter dem ‚Nehru-Sozialismus‘ konnte die indische Wirtschaft in den letzten beiden Dekaden einen spektakulären Aufschwung nehmen. Und dieser Aufschwung, der beispiellose Verbesserungen der Pro-Kopf-Einkommen bewirkte, wurde vor allem durch marktwirtschaftliche Initiativen in Gang gebracht und vorangetrieben. Zwar ging er mit einer beträchtlichen Zunahme der Ungleichheit einher, aber dieses Phänomen tritt in Perioden raschen Wachstums stets auf. Im Laufe der Zeit werden dessen Wohltaten sicherlich auch den Ärmsten zugute kommen, und wir befinden uns entschieden schon auf dem Wege zu diesem Zustand.
In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert.