Ausgabe Oktober 2018

Das Elend des Wissensprekariats

Bild: AllzweckJack / photocase.com

In einem Café in einer typischen amerikanischen Universitätsstadt bekomme ich zufällig das Gespräch von zwei Mittzwanzigern mit: In gebildeter und selbstkritischer Manier beklagen sie den Zustand des Hochschulwesens, das heutzutage Fleiß und Arbeitsethik nicht mehr zu belohnen scheint. So stoßen sie immer wieder auf dieselbe Frage: Warum vier Jahre lang wie verrückt studieren, einen Studienkredit aufnehmen und anstrengende Nacht- und Wochenendjobs machen, wenn es dann da draußen quasi keine Aussicht auf Arbeit gibt? In den USA und einigen anderen Ländern müssen Studierende für ihre Ausbildung heftige Summen bezahlen – ohne jedoch dafür die hochwertige Bildung zu bekommen, die ihnen versprochen worden ist. Da die meisten Kurse nicht mehr von Professoren gegeben werden, sondern von Doktoranden oder Lehrbeauftragten, fühlen sie sich vom US-Bildungswesen betrogen.

Die Erfahrung dieser Studierenden verweist auf einen zentralen Widerspruch der neoliberalen Ökonomie. Im Zeitalter der Austerität steigern die Unternehmen ihre Gewinne nicht nur in den Wachstums-, sondern auch in den Krisenphasen. Heutzutage gilt das auch für Universitäten: Seit 2001 erlebten die amerikanischen Colleges einen bisher einzigartigen Zuwachs an Immatrikulationen um rund 5,1 Millionen Studierende, ein erheblicher Teil davon entfällt auf die Jahre nach der Finanzkrise von 2008.

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.